Mein erster Pointer

Über Hunderassen und darüber, wie Menschen auf einen reagieren, führst du eine bestimmte Sorte Hund an deiner Seite, habe ich mir lange keine großen Gedanken mehr gemacht. Bis zu dem Tag, als ich als bekennender Katzenmensch, wie die Jungfrau zum Kinde, zu einem ausgewachsenen, 3 Jahre alten Pointer-Mischling kam.
Ich mag Hunde. Aber ich wollte nie einen eigenen haben. Als ich noch ein Kind war, hatte unsere Familie eine bis ins Mark gutmütige und alles an Kleintiere adoptierende Schäferhündin.
Ich habe sie sehr geliebt aber ich erinnere mich auch noch daran, wie lästig ich es immer fand, mit ihr Gassi gehen zu müssen; und wie man immer von Besitzern kleiner „unter-dem-Arm-herum-schlepp-Fiffis“ im praktischen Handtaschenformat, die mehr Accessoire sind, als ein echter Hund, angegiftet wird, wenn man seinen, großen, dunklen, „bösen“ Schäferhund von der Leine lässt, damit er sich auch mal auf der Hundewiese auspowern kann. So ein großer Hund braucht „Wartung“. Man kann nicht einfach ein Hundebaby adoptieren, es mit Futter vollstopfen und es dann sich selbst überlassen. Ein Hund braucht Führung, man muß ihn erziehen, er braucht strenge Regeln und am besten noch eine Aufgabe, einen Job.
Da ich das alles weiß und ich mich ja auch selber kenne, weiß ich, ein Hund kommt für mich nicht in Frage. Ich müsste mein Leben zu sehr umstrukturieren. Denn wenn ich ein Tier bei mir aufnehme, egal was für eines, dann will ich es auch möglichst artgerecht halten. Und für einen großen Hund, denn es müßte schon ein „richtiger“ Hund sein, fehlt mir schlicht die Zeit, ihm jeden Tag die dringend benötigte Bewegung zu verschaffen und ihn so zu erziehen, daß er hört, wenn man ihn ruft, so daß andere Leute keine Angst haben müssen, wenn ein großer Hund mit wehenden Ohren und schlabbernden Lefzen auf sie zu gerannt kommt. Zu rufen: „Er will nur spielen!“ nützt da wenig. (Auch wenn es stimmt.)
So waren meine alte Katze Lisa und ich doch recht zwiegespalten, als eines Tages ein großer, schwarz-weißer Pointer bei uns einzog.
Doch der Reihe nach:

Eigentlich wollten wir uns nur ein gebrauchtes Auto kaufen. Nach der Besichtigung des Fahrzeugs war man sich schnell einig und nachdem man mit dem Verkäufer ins Gespräch gekommen war, stellte sich heraus, daß er im Begriff war umzuziehen. Er wollte (von Mallorca aus) nach Thailand auswandern und musste den Wagen noch in der laufenden Woche loswerden. Das Auto war allerdings nicht das Einzige, was er noch auf die Schnelle loswerden wollte: Als er uns in sein Wohnzimmer bat, um den Kaufvertrag zu unterschreiben, fragte er ganz beiläufig, ob wir nicht jemanden kennen würden, der seinen Hund und das junge Kätzchen, die er beide erst vor Kurzem aus dem Tierheim, bzw. aus der Tötungsstation gerettet hatte, übernehmen würde. Ich war zwar ganz angetan davon, wie der junge, weiße Kater mit dem ausgewachsenen Hund schmuste und spielte, aber das kam ja mal gar nicht in Frage! Keinen Hund!! Und so eine junge, dynamische Karate-Katze wollte ich meiner vierzehn Jahre alten Lisa auf ihre alten Tage auch nicht mehr zumuten. Also: Nein! Dankend abgelehnt. Trotzdem ließ mich die Frage, was denn nun aus den beiden Tieren, die so gute Kumpels waren, werden sollte, nicht los. Wer würde Hund und Katze adoptieren? Höchstwahrscheinlich würde man sie trennen – wie schrecklich!
Ja, schrecklich, aber eigentlich nicht mein Problem. Trotzdem sagte ich einer Freundin bescheid, die sich im Tierschutz und der Tiervermittlung engagiert, daß da ein Herrchen auf der Flucht und im Begriff war, seine Tiere zurück ins Tierheim zu bringen. Die Empörung über den Flüchtling, der seine Tiere einfach zurück ließ war von allen Seiten riesengroß, trotzdem schrie niemand „Hier!“ als nach einer neuen Bleibe für die beiden gesucht wurde.
So waren am Ende wir es, die in dem neu erworbenen Auto mit der Freundin zu der Wohnung fuhren, um die beiden Tiere abzuholen. Ich bin zwar mitgefahren, trotzdem wollte ich mich so weit wie möglich aus allem raushalten. Ich blieb im Auto sitzen und war schwer damit beschäftigt, mein Herz in Stein zu verwandeln, während mein Mann mit der Freundin die Tiere aus der Wohnung holte. Ich würde stark bleiben, ich würde nicht wanken! Schwerstens mit meiner mentalen Versteinerungsmeditation beschäftigt, ahnte ich nicht, dass es schon längst zu spät war.
Die Klappe ging auf, der Hund sprang bereitwillig in den Kofferraum, schließlich kannte er den Wagen ja und der kreischende Kater im Katzenkorb wurde mir auf den Schoß bugsiert. Ich sah meinem Mann ins Gesicht und wußte, was den Kater anging, war er schon längst weich geworden.
„Damit die Lisa nicht mehr so alleine ist… Was meinst du?“
-Stöhn! –
Du wolltest doch schon immer eine weiße Katze haben…“
-Doppelstöhn!-
So war es also alsbald beschlossen: der kleine „Kravallo“ zog bei uns ein und wurde Lisas neuer Spielgefährte. Nur dass die schon längst dem Spielalter entwachsen war und außerdem Null Bock auf Kindererziehung hatte.
Während sich der junge Kater in seinem neuen Zuhause eingewöhnte und sich unermüdlich von seiner neuen Mitbewohnerin den täglichen Nasenstüber abholte, wurde der arme, ungewollte Theo schnurstracks zum Tierarzt verfrachtet, um ihn kastrieren zu lassen.
Warum es zum Standard gehört jedes wunderbare Tier, das dem „Tierschutz“ in die Hände fällt, als allererstes unfruchtbar zu machen, ist mir bis heute ein Rätsel.
Nach dem Eingriff hatte sich noch immer niemand gefunden, der dem großen Pointer ein Zuhause geben wollte und so wurde er auf einer unbewohnten Finca zwischengelagert. Jetzt hatte die Freundin aber nicht jeden Tag Zeit, zur Finca zu fahren, den Hund zu füttern, Wasser aufzufüllen und ihm seine Tabletten in den Hals zu drücken, die er nach der Kastration noch mehrere Tage nehmen sollte; und so wurde mein Mann teils gebeten, teils genötigt nach dem Hund zu sehen, denn schließlich waren wir es ja gewesen, die unbedingt ein Auto kaufen mussten und dabei die Tiere entdeckt hatten!
So fuhr er also pflichtbewusst jeden Tag zu der einsam gelegenen Finca und wurde jedes Mal am Tor noch leicht zurückhaltend aber freudig begrüßt. Nachdem die Tabletten verabreicht und die Näpfe aufgefüllt waren, setzte er sich immer noch eine Weile zu dem alleingelassenen Geschöpf und leistete ihm Gesellschaft. Mit der Zeit wurde er immer zutraulicher und fing an zu heulen, sobald er merkte, dass er wieder allein gelassen werden sollte. Und so kam es wie es kommen musste:
„Hat doch keinen Zweck, dass ich jeden Tag da raus fahre, mir die Stoßdämpfer ruiniere und Sprit vergeude!“ verkündete mein Mann eines Nachmittages, als er mit dem Hund an seiner Seite in unserem kleinen Wohnzimmer stand.
Lisa lag auf unserem Bettsofa und behielt den grobmotorigen Neuankömmling fest im Blick. Das alte Mädchen hatte keine Angst vor dem Hund, der sofort anfing sie zu beschnuppern. Ein paar gezielt gesetzte Krallen belehrten ihn sogleich, wer in diesem Rudel die Chefin war. Der kleine Kravallo erkannte seinen alten Kumpel direkt wieder und besprang begeistert Theo´s Hinterläufe um daran herum zu nagen.
Nachdem er unsere kleine Wohnung gründlich inspiziert und im Vorbeigehen mal eben die Katzennäpfe leergeleckt hatte, rollte er sich zufrieden auf unserem mit Katzenhaaren dekorierten Wohnzimmerteppich zusammen, um ihn nun seinerseits mit schwarzen und weißen Borsten zu verzieren.

Von nun an wurde es anstrengend. Nicht nur, dass man jetzt jeden Tag eine Stunde früher aufstehen musste, um mit dem Hund Gassi zu gehen; der drei Jahre alte Pointer hatte bereits eine Vorgeschichte, die sich deutlich in seinem Verhalten zeigte und wir waren schon seine dritten Besitzer. Wir wußten nichts Genaues, außer dass sein letztes Herrchen ihn aus der Tötungsstation geholt hatte. Seine Krallen waren viel zu lang, woraus wir schlossen, dass er die letzten Monate las „Balkonhund“ verbracht hatte; und so richtig Vertrauen hatte er wohl auch noch nicht zu uns gefasst, oder er war schlichtweg nicht erzogen, denn er hört ums Verrecken nicht auf seinen Namen! Er wußte zwar, wie er hieß, aber er kam nie, wenn man ihn rief. Besonders nicht draußen, wo ständig tausend neue Eindrücke auf ihn einprasselten. Er muss den Großteil seines Lebens in geschlossenen Räumen verbracht haben und ziemlich viel vernachlässigt worden sein, denn er kannte nicht ein Kommando! An der Leine zu gehen kannte er zwar und wir stellten überrascht fest, dass er grottenbrav zu unseren Füßen liegen blieb, wenn man sich mit ihm in ein Café setzte, aber spätestens nach dem ersten Freilauf am Strand und auf unserem Lieblingswanderweg war es dann aus mit brav an der Leine laufen. Er zog und zerrte und wollte alle Gerüche auf einmal erschnuppern. Nachdem er einmal von der Freiheit gekostet hatte, war es auch aus mit brav an der Leine liegen und warten. Mindestens drei Stricke und Leinen biß er mit einem Haps durch um sich zu befreien, bis wir ihm einen mehrfach geflochtenen Nylon-Pferdestrick besorgten, den er nicht mehr so leicht durch kauen konnte.
Nachdem ich beim Gassi gehen regelmäßig tausend Tode gestorben war, weil er sich sogar aus seinem Halsband herauswand und wegrannte und ich ständig von erbosten Fiffi-Besitzern beschimpft wurde, weil mein Hund jedes Mal begeistert auf Artgenossen zu rannte, um sie zum Spielen aufzufordern, setzte ich mich an den Rechner, um mich im Netz mal schlau zu machen:
Was, um Himmels Willen, ist denn überhaupt ein Pointer?! Ich hatte vorher noch nie von dieser Rasse gehört und verschlang sämtliche Infos und Rassebeschreibungen über Pointer, die ich finden konnte. Als Pointer, bzw. 80% Pointer und vielleicht 20% Labrador, oder Ähnliches klassifiziert, hatte ihn meine Tierschutz-Freundin. Sonst hätte ich gar nicht gewußt, wonach ich suchen sollte. Er war halt ein hübscher, schwarz-weißer Hund, mit schwarzen Punkten auf seinem weißen Kragen. Das Erste, was ich lernte war, dass der Begriff „Pointer“ nicht von den lustigen Punkten auf seiner Brust abgeleitet wird, sondern von dem englischen Begriff „to point“ – anzeigen. Der Pointer ist ein Jagdhund, der dem Jäger anzeigt, wo die Beute liegen geblieben ist, die er abgeschossen hat. Er jagt nicht selbst, dafür gibt es wieder andere spezialisierte Hunde. Der Pointer hat einen ausgezeichneten Geruchssinn und findet vorzugsweise tote „Sachen“, wie wir auf unseren ausgedehnten Wanderungen sehr bald feststellten. Voller Stolz schleppte er steife Katzen, mumifizierte Vögel und skelettierte Mäuse an, um sie uns demütig zu Füßen zu legen. Da dieses Darreichen solcher Geschenke zu seinem natürlichen bzw. an gezüchteten Verhalten gehört, wurde er natürlich jedes Mal ausgiebig dafür gelobt, während man gleichzeitig versuchte, das optisch wenig ansprechende und teils streng riechende Geschenk unauffällig wieder im nächsten Gebüsch verschwinden zu lassen.
Obwohl wir uns alle Mühe gaben, zu regelmäßigen Zeiten ausgiebig mit ihm Gassi zu gehen, verteilte er trotzdem über Nacht oder immer dann, wenn er alleine zu Hause war, übel riechende und erstaunlich voluminöse Tretminen in der Wohnung … vorzugsweise auf irgendeinem Teppich!!! Das tat er auch, wenn ihm irgendwas nicht passte. Jetzt stellte sich die Frage, wie bestraft man so ein Verhalten? Pointer sind hochsensible Geschöpfe. Man darf sie auf keinen Fall schlagen. Sobald man auch nur andeutungsweise die Hand in Theo´s Richtung erhob, lief er weg, drehte sich in sicherer Entfernung zu einem herum und bedachte einen mit einer perfektionierten Version des „Geprügelter-Hund-Ausdrucks“ in den traurigen, braunen Augen. Wie kriegt man jetzt einen drei Jahre alten, traumatisierten Hund dazu, die (im wahrsten Sinne des Wortes) Scheiße sein zu lassen?! Die Antwort heißt: mit Geduld und ganz viel Liebe. Pointer gehorchen nur dem Menschen, den sie lieb haben und an uns musste er sich ja erst noch gewöhnen. Also blieb uns erst mal nicht viel anderes übrig, als geduldig auf allen Vieren unter schimpfen und knödeln den Brechreiz zu unterdrücken, die stinkenden Huppen aus dem Teppich zu kratzen und währenddessen trotzdem zu versuchen, den dusseligen Köter lieb zu haben.
Wir versuchten, trotz unregelmäßiger Arbeitszeiten ihn zwei- bis dreimal am Tag auszuführen, wobei wir darauf achteten, daß er vor dem Schlafengehen sich auch wirklich ausgiebig entleerte, damit er möglichst lange nichts mehr auf der Pfanne hatte, womit er wieder den Teppich dekorieren konnte.
Einer von uns hatte den Hund immer dabei. Wenn ich arbeiten musste, war mein Mann mit Theo unterwegs, damit er nur im äußersten Notfall, wenn es nicht anders ging allein zu Hause blieb. Der Alltag musste umgestrickt werden, da so ein Pointer ein „Laufhund“ ist und mindestens einmal am Tag so richtig ausgiebig rennen will. Wir sind keine Jogger, mehr die Wanderer. Wobei Joggen unserem Theo eh zu langsam gewesen wäre. Sehr bald konnten wir beobachten, wie durch die viele Bewegung seine Muskeln stärker und ausgeprägter wurden und er an Schnelligkeit bald jedem Windhund Konkurrenz machte. Er blieb zwar meistens in Sichtweite, trotzdem war ich ständig angespannt, wenn ich mit Theo unter Leute kam. Nicht jeder findet es gut, von einem großen, dunklen Hund beschnuppert oder sogar, wenn auch freundlich, angesprungen zu werden, auch wenn er noch so harmlos ist.
Manche Leute sind nicht gut zu Fuß und ich hatte jedes Mal Angst, dass er jemanden umschmeißt oder zu wild mit dem nächsten pelzigen „Accessoire“ spielt und es unter sich begräbt, sollte es nicht vorzeitig von Frauchen an der Glitzerleine hochgerissen worden sein, wodurch es ja nur noch mehr wie ein Spielzeug aussieht…
Irgendwann machten es meine Nerven nicht mehr mit, ständig genervten Hundehassern zu begegnen. Wir arbeiteten ja fleißig mit unserem Theo, aber so ein Training fruchtete nun mal nicht von heute auf morgen. Schließlich war er ja schon drei Jahre alt. Zum Glück genoss Theo es, dass man sich mit ihm beschäftigte und er lernte auch sehr schnell. Wir beschränkten uns auf wenige kurze Befehle wie: „Hier!“, „Sitz!“, „Aus!“ oder „Fuß!“ Ich musste meine Neigung unterdrücken, ständig mit dem Hund zu diskutieren, wenn er wieder mal nicht sofort gehorchte, weil es in dreihundert Metern in irgendeinem Gebüsch so super toll duftete, dass er jetzt sofort da hin rennen musste. Mein Mann erwischte mich ganz oft mitten in langen Gesprächen mit dem Hund, die sich ungefähr so anhörten:
„Theo! Du sollst sofort kommen, wenn ich rufe! Wieso muss ich immer dreimal brüllen, bis du dich zu mir bequemst?! Wir haben doch darüber gesprochen! Du Hund, ich Mensch, du musst gehorchen, verdammt noch mal! Was sollen denn die Leute denken, wenn ich mit der Leine in der Hand wild wedelnd hinter dir her renne?! Die schütteln dann alle den Kopf, machen sich lustig und erzählen überall, ich hätte meinen Hund nicht im Griff!!! … Hab ich auch nicht! Also lass mich nicht ständig so scheiße aussehen!“ Dann nach einem langen Blick aus treuen, braunen Hundeaugen und einem lieb gemeinten Anrempler gegen die Kniekehle: „Jaaa, du bist ein gaaanz Toller. Ich hab dich auch lieb.“
Damit der Hund ausreichend Bewegung bekam, ohne ihn dabei ständig zurückrufen zu müssen, weil wieder ein Mensch des Weges kam, suchten wir uns weiter weg abgelegenere, und schwierigere Wanderwege bei denen man davon ausgehen konnte, keinen Rentnern mit Nordic-Walking-Stöckchen zu begegnen, die gerne mal ihre „Gehhilfe“ gegen den Hund als Waffe einsetzten. So konnten wir ungestört daher wandern und der Hund zog begeistert seine Kreise um uns. Wenn wir hundert Meter gelaufen waren, hatte Theo bereits vierhundert Meter im Kreis um uns zurückgelegt. Er sprang wie eine Bergziege begeistert die steilsten Felsen rauf und runter und stöberte durch die Büsche. Es gab für mich kaum etwas Schöneres, als durch die Natur zu streifen, die Gegend und ihre Farben zu genießen und dabei zuzusehen, wie mein Hund Spaß hat. Und dass er glücklich war, wenn er rennen und die Gegend erkunden durfte, war deutlich zu sehen. Nur leider funktionierten seine Sinne irgendwie nicht simultan. Wenn die Nase eingeschaltete war, funktionierte das Gehör nicht mehr. Soll heißen, wenn er irgendeiner Witterung auf der Spur war, konnte man sich nach ihm die Lunge aus dem Hals brüllen, er kam einfach nicht. Die totale Ignoranz, bis er gefunden hatte, was er verfolgt hatte. Das war es, was mich so fertig machte. Ich musste ständig auf der Hut sein um vor ihm andere Menschen oder Tiere zu erspähen, um ihn rechtzeitig an die Leine nehmen zu können, bevor er wieder davon sprintete. Dabei wollte er ja nur neue Leute kennen lernen.
Jetzt fragt sich vielleicht der ein oder andere, warum ich ihn überhaupt erst von der Leine lasse. Und warum ich nicht mit ihm Fahrrad fahre, wenn er unbedingt rennen muss. Wäre ja auch eine Möglichkeit. Wir wohnen nun einmal in einer Gegend (Mallorca) in der es sehr gefährlich ist, sich auf ein Rad zu setzen. Es gibt hier keine Radwege und die Straßen sind manchmal sehr eng und saugefährlich. Ich würde mich auch ohne Hund, der noch nicht trainiert ist und nur gehorcht, wenn er will, niemals auf ein Rad setzen. Ich sehe schon vor mir, wie er sich in der Leine verfängt, ich den Lenker verdrehe und es mich vom Rad katapultiert. Und das in einer Gegend, wo es sogar schon vorgekommen ist, dass man von einer Polizeistreife über den Haufen gefahren wird. Nein, Danke.
Da stand ich nun – ich, die nie einen eigenen Hund wollte, aus den Anfangs erwähnten Gründen und versuchte jetzt, einem Jagdhund gerecht zu werden. Das Problem bei diese Rasse ist, wenn du gerade drei Stunden mit ihm draußen warst und er ununterbrochen gerannt, gesprintet und gelaufen ist, schreit er danach immer noch nach mehr. Nach drei Stunden hat er sich gerade mal warm gelaufen. Pointer sind sehr schöne und sensible Hunde. Sie haben viele Vorteile, die ich bei einem Hund sehr schätze: sie sabbern zum Beispiel nicht. Ihre Lefzen sind immer trocken. Sie schlabbern dich nicht ab. Ihre Nase ist so gut, dass sie es nicht nötig haben, deinen Duft mit der Zunge aufzunehmen. Ihr Fell ist kurz und sehr glänzend. Wenn man sich die Mühe macht und sie regelmäßig bürstet, haaren sie auch kaum. Sie sind sozusagen „selbstreinigend“ Man kann gerade mit ihnen im schlimmsten Schmodder gespielt haben, einmal geschüttelt und zurück im Auto oder zu Hause muss man sie kaum abklopfen. Sie sind von Natur aus sehr gesund und robust. Sie werden so gut wie nie krank und scheiden sogar Plastik und andere Kunststoffe am Stück wieder aus, ohne sich eine Verstopfung oder Darmverschlingung oder Ähnliches zu holen, wenn sie mal wieder einen deiner unvorsichtigerweise liegengelassenen Lieblingsschuhe angekaut haben. Wenn der Pointer einmal beschlossen hat, dass du jetzt sein Mensch bist, dann musst du auch rund um die Uhr für ihn da sein. Tust du es nicht, sucht er sich eine andere Beschäftigung. Kauknochen und dargereichtes Hundespielzeug wird links liegen gelassen und er macht sich auf die Suche nach Dingen, denen sonst deine Aufmerksamkeit gilt: Werkzeug, Kleidung, Wäsche, Computerteile, Papier, nahezu alles, an das er rankommt, wird gnadenlos zerkaut. Und so ein Pointer kann sich ganz schön lang machen.
Wenn man sich also bewußt, so einen Hund zulegen möchte, sollten die Lebensumstände passen. Er ist kein Wohnungshund. Man muss den Hund immer dabei haben können, ohne dass es kompliziert wird. Am besten hat man eine Tätigkeit, die draußen stattfindet. Man könnte ihn an Pferde gewöhnen und ihn mit zum Ausreiten nehmen, wenn er vorher alle Kommandos beherrscht und nicht kopflos über gefährliche Straßen rennt. Er wäre ein hervorragender Begleiter für Förster oder andere Waldarbeiter. Wenn man selbständig ist und seine Arbeitszeit selbst einteilen kann, ist es auch kein Problem dem Hund Genüge zu tun. Es ist halt manchmal ein langer und steiniger Weg, aber wenn man ihn hinter sich gebracht hat, belohnt dich dieser Hund mit lebenslanger Treue, Freundschaft und bedingungsloser Zuneigung. Er wird dein bester Kumpel und Beschützer und auf keinen anderen Hund passt das altbekannte Sprichwort besser als auf ihn:
„Der Hund ist dir im Sturme treu – der Mensch nicht mal im Winde.“

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