Leben mit Neurodermitis

Als ich ca. zwei Jahre alt war, traten bei mir diese juckenden  Hautveränderungen das erste Mal auf. Pünktlich zur Geburt meiner kleinen Schwester. Damals konnte sich niemand diese juckenden und nässenden kleinen Pusteln erklären und so riet der Kinderarzt meiner Mutter, sie solle mich mit Penaten Creme einschmieren. Natürlich brachte das keinerlei Besserung und ich trieb meine Eltern mit nächtlichen Brüllattacken zum Wahnsinn, weil es einfach nicht aufhören wollte zu jucken. Ich kratzte mich Nacht für Nacht blutig. Die Schübe kamen und gingen und niemand erkannte lange Zeit den Zusammenhang zwischen Stress und Hautveränderung.
Als ich so sieben, acht Jahre alt war, verbrachte ich ein paar Wochen bei meiner Großmutter. Sie bemerkte meine aufgekratzten und rot angeschwollenen Hände, Armbeugen, Kniekehlen und Füße und fackelte nicht lange. Sie rieb mich jeden Abend gründlich mit ihrer eigenen Creme ein, die ihr Apotheker extra für sie zusammengestellt hatte. Denn mit Allergien kannte sie sich aus. Wahrscheinlich hat sie sie mir vererbt, denn zu meiner Neurodermitis, die bis zu diesem Zeitpunkt immer noch kein Arzt diagnostiziert hatte, gesellten sich später noch allerlei andere Allergien hinzu. Von Lebensmitteln bis hin zu Farb- und Duftstoffen in Deos, Cremes, Make-up und so weiter. Als mich meine Eltern wieder abholten, war der Ausschlag an Kniekehlen und Füßen restlos verschwunden und kam auch später nie wieder. Nur Hände und Armbeugen machten weiter Ärger. Kurze Zeit später zogen wir nach Südamerika und da machte ein Arzt endlich die richtige Diagnose und verschrieb mir eine cortisonhaltige Creme, die etwas Linderung verschaffte. Aber ganz weg bekam auch diese Creme meine Beschwerden nicht, denn dass diese Krankheit was mit den Nerven zu tun hatte, war immer noch nicht ganz klar geworden. Ich war meine ganze Kindheit lang durch mehr oder weniger gestresst. Alle drei bis vier Jahre lang, mussten wir umziehen, weil mein Vater im auswärtigen Dienst tätig war und das hieß für mich, schon wieder die Neue sein in einer anderen Schule, ständig die zaghaft geknüpften Freundschaftsbande wieder abreißen und neue Leute kennen lernen. Neue Lehrer, neue Sprache, neues Land, neues zu Hause. Ich war oft an Orten an denen ich nicht sein wollte und musste damit klarkommen. Ich war ständig damit beschäftigt, meine Hände zu verstecken, weil sich die Leute ekelten. Ich beneidete Mädchen mit schönen Händen, die Nagellack und Ringe trugen. In der Pubertät kamen zu allem Überfluss auch noch die Pickel dazu und ich konnte sie kaum mit Wässerchen und Cremes bekämpfen, wie meine Altersgenossen, weil ich ja nicht jede Creme vertrug. Selbst Deos waren pures Gift für mich. Es hat jede Menge Zeit und Tränen gekostet, ein hautfreundliches Deo zu finden, das mir nicht die Achseln wegätzte. Ein Arzt machte mir Hoffnung: Er sagte, dass die Neurodermitis im Erwachsenenalter mehr und mehr verschwinden würde und ich sehnte das Ende meiner „Mutation“ herbei. Und tatsächlich verschwand dann irgendwann der hässliche Ausschlag in meinen Armbeugen. Allerdings nur, um kurze Zeit später wieder an den Handgelenken, am Hals und sogar im Gesicht wieder aufzutauchen! Als der Ausschlag zum ersten Mal in meinem Gesicht auftauchte, bekam ich fast Panik. Hände und Arme konnte man verstecken. Aber das Gesicht? Ich verfiel zusehends in Selbstmitleid und der Ausschlag wurde wieder schlimmer. Ich wachte nachts auf, weil ich mich kratzte. Ich hatte zwar jeden Abend meine Hände dick eingecremt und bandagiert aber im Schlaf riss ich sie jedes Mal wieder herunter und wachte mit nässenden und blutenden Händen auf. Irgendwann begann ich sogar Schmerzen dem rasenden Juckreitz vorzuziehen. Nur um mich nicht schon wieder blutig zu kratzen, hielt ich meine Hände unter dampfend-heißes Wasser. Das half eine Weile, war aber natürlich keine Dauerlösung.

Ich fragte mich regelmäßig: Warum ich?! Was habe ich schlimmes verbrochen, um mit dieser Hautkrankheit bestraft zu werden?! Ich wäre wahrscheinlich noch tiefer im Selbstmitleid versunken, hätte ich nicht eines Tages diese Reportage im Fernsehen gesehen. Es wurde von einem Mädchen berichtet, das an einer Erbkrankheit litt. Sie war am ganzen Körper mit Muttermalen übersät, die größer und größer wurden. Sie war einfach voll davon. Sogar im Gesicht! Sie war braun! Braun und warzig. Auf dem Rücken hatte sie einen enormen Buckel. Es war ein riesiges Melanom. Diese Dinger mussten ihr regelmäßig operativ entfernt werden, weil sie immer wieder nachwuchsen und trotzdem hatte sie ihren Humor nicht verloren! Da hat es bei mir „Klick“ gemacht. Dieses Mädchen war noch viel, viel schlimmer dran als ich. Und ich saß hier mit meinem hübschen Gesicht, das nur ab und zu ein bisschen rot und schuppig wurde und mit meinen nässenden Händen, mit denen ich aber wunderbar zeichnen, malen und schreiben konnte und beklagte mein ach so schlimmes Schicksal! Ich hatte Mitleid mit diesem Mädchen aber komischer Weise fühlte ich mich plötzlich besser. Ich haderte nicht mehr mit meinem Schicksal und schaute ein bisschen optimistischer in die Welt.

Trotzdem wurde es eines Tages plötzlich so schlimm, dass ich nicht zur Arbeit gehen konnte. Ich setzte mich bei meinem Hautarzt ins Wartezimmer und habe Unmengen an Taschentüchern verbraucht, um meine Hände trocken zu halten. Ich bekam eine Cortisonspritze. Zum ersten Mal verabreichte man mir eine größere Menge von dem Zeug und in den Tagen danach verbesserte sich mein Hautbild zusehends. Ich freute mich riesig und dachte: Das war der ganze Trick? Eine Spritze und alles ist gut? Warum hab ich all die Jahre so leiden müssen?! Aber natürlich war nicht alles gut. Der Ausschlag kam wieder. Mal mehr, mal weniger schlimm.

Dann lernte ich meinen Mann kennen. Er ekelte sich nicht vor mir. Er liebte mich vom ersten Tag an über alles und legte sich sogar zu mir ins Bett, als ich mit über zwanzig tatsächlich noch die Masern bekam! Er hat viele schlaflose Nächte wach gelegen, die er damit verbracht hat, meine Hände festzuhalten und mir beruhigend über den Rücken zu streicheln. Ich habe davon nie etwas mitbekommen. Aber ich konnte endlich durchschlafen und es ging mir von Tag zu Tag besser. Er hat mir in langen Gesprächen meine Ängste genommen und mir dabei geholfen, den Stress abzubauen. Wir haben gemeinsam herausgefunden, was ich essen darf und was nicht. Ich weiß jetzt, dass ich von rohen Äpfeln und Kartoffeln die Finger lassen muss, dass ich sie aber gekocht ohne Bedenken essen kann. Ich muss um Nüsse einen großen Bogen machen und ganz besonders um Make-up. Für manch andere Frau käme das gleich mit dem Weltuntergang. Aber mein Mann hat mir von Anfang an klar gemacht, dass er mich so liebt, wie ich bin und dass er Make-up und Parfüms so wie so nicht leiden kann und mich sehr gut riechen kann, sogar ohne Deo! Mit zunehmendem Alter habe ich gelernt, Risikolebensmittel und Kosmetika, die die Neurodermitis gerne mal wieder auslösen, zu vermeiden und vor allem viel ruhiger zu werden. Das ist das ganze Geheimnis. In der Ruhe liegt die Kraft. Ich rege mich nicht mehr über alles auf und vermeide Stress. Das hatte zwar zur Folge, dass ich dem regulären Berufsleben den Rücken gekehrt habe und nicht mehr Teil der Gesellschaft da draußen bin, aber das ist mir nur recht. Manchmal kommt das altbekannte Jucken zurück und dann weiß ich, dass ich mich in letzter Zeit wieder zu viel geärgert habe und mich habe stressen lassen. Dann muss die Ursache dieser negativen Emotionen sofort eliminiert werden. Das bedeutet in der Praxis: entweder hat man seine Gefühle fest im Griff oder man entzieht sich der nervenden Situation. Es mag sein, dass ich meinen Mitmenschen manchmal etwas uninteressiert und oberflächlich erscheine. Aber das ist purer Selbstschutz. Denn wenn ich mich zu sehr in unangenehme Situationen hineinsteigere, rächt sich das sofort. Denn am nächsten Tag sind die Pusteln wieder da! Je älter ich werde, umso ruhiger werde ich. Heute erinnern nur noch die vielen kleinen Fältchen, die meine Hände älter aussehen lassen, als sie sind an meine Neurodermitis. Und nur manchmal, bei extrem starkem Pollenflug habe ich wieder mit Allergien zu kämpfen. Aber ich bin ja schon ein alter Hase auf diesem Schlachtfeld und so bringt mich so leicht nichts mehr aus dem seelischen Gleichgewicht. Denn das ist wichtig, um gesund zu werden und sich wieder wohl in seiner Haut zu fühlen. In sich selbst ruhen und mit sich selbst im Reinen sein. Irgendwann bringe ich auch das zur Perfektion. Vielleicht, wenn ich endlich einen Arzt dazu gebracht habe, mir zu bestätigen, dass mich das  ständige Eincremen und Spritzen mit Cortison unfruchtbar gemacht hat…

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