Irena Sendler – eine heimliche Heldin

Ich wage zu behaupten: heute kennt jedes Kind den Namen Oskar Schindler. Spätestens, seit Steven Spielberg dem Sudetendeutschen mit seinem Film „Schindlers Liste“ ein Denkmal gesetzt hat, kennt jeder den Mann, der 1200 Juden das Leben rettete, indem er sie auf seine Liste für „kriegswichtige Arbeiter“ in seiner Emaille-Fabrik setzte.
Doch da gab es noch jemanden, der nicht untätig zusah, wie die „Herrenmenschen“ sich anschickten, systematisch ein ganzes Volk zu vernichten.
Eine junge Sozialarbeiterin verschaffte sich Zugang zum Warschauer Ghetto und schmuggelte in Wekzeugkoffern, Mülltonnen und Holzkisten nach und nach über 2500 jüdische Kinder an den Nazis vorbei und brachte sie in Pflegefamilien, Waisenheimen und Klöstern unter falschen Namen unter. Ihr Name war Irena Sendler; und auch sie hatte eine Liste…

Irena Sendler, oder auch Sendlerowa kam am 15. Februar 1910 in Warschau als Irena Krzyżanowska zur Welt.
Über Irenas erste 27 Lebensjahre ist wenig bekannt. Ihr Vater, ein Arzt, starb sehr früh während der Typhus-Epidemie 1917 in Otwock, als er versuchte, diese zu bekämpfen.
Sie war also erst sieben Jahre alt, als sie ihren Vater verlor. Doch er hat seiner Tochter ein Lebensmotto mitgegeben, an dass sie sich bis zuletzt gehalten hat:
„Wenn du einen Menschen siehst, der am Ertrinken ist – dann reiche ihm die Hand!“

Irena ließ sich zur Krankenschwester ausbilden und arbeitete später als Sozialarbeiterin in Warschau. Nach der Besetztung Warschaus durch die Nationalsozialisten 1939 musste sie mit ansehen, wie die polnischen Juden in ein Ghetto gesperrt wurden, das später zum Sperrgebiet erklärt wurde. Zusammen mit mehreren Kollegen vom Sozialamt verschaffte sie sich Zugang zum Ghetto, indem sie für sich und ihre Mitarbeiter Ausweise der Sanitätskolonne besorgte, zu deren Aufgaben es gehörte, ansteckende Krankheiten zu bekämpfen. Sie erkannte die Zeichen der Zeit und wußte, was den Bewohnern des Ghettos demnächst bevor stand und so fasste sie einen Plan. Sie wollte so viele Kinder wie möglich aus den streng bewachten Mauern heraus schmuggeln um sie so vor dem sicheren Tod zu bewahren. Über das Wohlfahrtsministerium erhielten diese Kinder falsche Papiere, mussten lernen den jiddischen Akzent abzulegen und auch sonst alle jüdischen Bräuche strikt zu vermeiden. Sie wurden bei Pflegefamilien, in Klöstern und Waisenhäusern untergebracht.
Das ging eine Weile gut, bis im Oktober 1942 die Kontrollen extrem verschärft wurden und so die weitere Hilfe über das Sozialamt unmöglich gemacht wurde. Also wandte sich Irena im Dezember 1942 an die Untergrundorganisation „Żegota“, deren Mitglied sie wurde. Mit deren Hilfe konnte sie ihre Arbeit im Ghetto wieder aufnehmen.
Mit dem Herausschmuggeln und verstecken der Kinder war die Arbeit längs noch nicht erledigt. Das Schwierigste war es nämlich nicht, die Kinder an den Bewachern unbemerkt vorbei zu schleusen, sondern die Eltern davon zu überzeugen, sich von ihnen zu trennen und sie völlig fremden Menschen mitzugeben, ohne eine Garantie dafür geben zu können, daß das Unterfangen auch erfolgreich sein würde. Die einzige Garantie, die Irena und ihre Helfer geben konnten war der sichere Tod, falls sie bleiben würden. Die tränenreichen, verzweifelten Szenen die sich beim Abschied jedes Mal abspielten, hat sie niemals vergessen. Manchmal verfolgten sie die Geister der Vergangenheit sogar bis in ihre Träume.

Mit der Unterbringung der Kinder, sowie Tarnung der Identitäten gab sich Irena aber auch noch  nicht zufrieden. Sie wollte nicht, daß die Herkunft ihrer Schützlinge in Vergessenheit gerät. Manche von den Kleinen waren noch sehr, sehr jung und liefen Gefahr ihre wahren Eltern mit der Zeit zu vergessen. So fertigte sie Listen an, auf denen sie jeden einzelnen Namen mit Herkunft sowie dessen Deckname penibel genau vermerkte. Die Daten waren zwar verschlüsselt, trotzdem waren diese Seiten eng beschriebenes Papier, ihr wertvollster Schatz und durften auf keinen Fall in falsche Hände geraten. Ohne diese Informationen, würden die Kinder später niemals ihre wirklichen Namen und die Namen ihrer Eltern oder die einfache Tatsache, dass sie Juden waren, erfahren.
Nur ein Jahr später, 1943, wurde Irena Sendler verraten und am 20. Oktober von der Gestapo verhaftet und zum Tode verurteilt. Das Urteil sollte allerdings erst vollstreckt werden, nachdem sie sämtliche Namen der geretteten Kinder preisgegeben hatte. Doch Irena schwieg beharrlich. Selbst unter der Folter, bei der man ihr Arme und Bein brach, sagte sie kein Wort. Nach drei Monaten schlimmstem Martyrium schaffte es die „Żegota“ Irena freizukaufen. Der Untergrundorganisation gelang es, einen SS-Mann zu bestechen, der sie auf dem Weg zu ihrer Hinrichtung niederschlug und im Straßengraben liegen ließ. Offiziell meldete er, dass die Hinrichtung vollzogen sei und so konnte Irena nach ihrer knappen Rettung ihren Namen ändern und im Untergrund das Ende des Krieges abwarten.
Die von den Besatzern so heiß begehrten Listen überdauerten unberührt die Zeit in einem Einmachglas, das Irena wohlweislich unter einem Apfelbaum im Garten einer Freundin vergraben hatte.

Nach Kriegsende geriet das couragierte Engagement der jungen Polin in Vergessenheit. Rund fünfzig Jahre wollte niemand etwas über die Taten der „Judenhelferin“, wie man sie im Sozialismus abschätzend bezeichnete, wissen. Denn mit dem Kommunismus, der danach in Polen herrschte, konnte sich Irena ebenso wenig erwärmen, wie für den Nationalsozialismus.
Erst sehr viel später begann man damit, sich an den Mut und die Aufopferungsbereitschaft der Frau zu erinnern und mit Auszeichnungen zu Ehren, die über 2500 Kindern das Leben und die Identität vor der vollständigen Vernichtung gerettet hat.
1965 wurde Irena Sendler mit dem Titel „Gerechte unter den Völkern“ durch die „Yad Vashem“ geehrt.
1997 erhielt sie das Kommandeurskreuz des „Ordens der Wiedergeburt Polens“.
2001 folgte in Anerkennung der Verdienste bei der Hilfe für Bedürftige das Kommandeurskreuz mit Stern des „Ordens der Wiedergeburt Polens“.
2003 erhielt sie die größte Auszeichnung Polens: den „weißen Adler für Tapferkeit und großen Mut“.
2007 schließlich verlieh man ihr die internationale Auszeichnung „Kavalier des Ordens des Lächelns“. Außerdem war sie in diesem Jahr eine von 181 Nominierten für den Friedensnobelpreis, der allerdings Al Gore verliehen wurde, für seine Power-Point-Präsentation über die Globale Erwärmung…
Mittlerweile wurden viele Bücher über sie geschrieben, sogar ein Film wurde gedreht und Theaterstücke aufgeführt.
All dieser späte Ruhm war ihr nie wichtig. Sie wollte nie als Heldin gefeiert werden.
„Ich tat nur, was ich tun musste“, sagte sie immer wenn man sie danach fragte. Und sie sei ja nicht die einzige gewesen, die geholfen hat, berichtigte sie bescheiden. Es gab viele Helfer.
Wir haben das getan, was ein jeder Mensch tun sollte. Und das ist es.“

Irena Sendler, der „Engel von Warschau“, verstarb am 11.05.2008 im Alter von 98 Jahren.

Foto: von Mariusz Kubik (own work, User:Kmarius) [GFDL, CC BY 3.0 oder Attribution], via Wikimedia Commons

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