Die Karotte

Die KarotteMan kann sie schnipseln, raspeln, würfeln in Stifte oder Scheibchen schneiden, sie kochen, dünsten, zu Saft verarbeiten oder roh am Stück knabbern. Sie ist gesund, vollgestopft mit jeder Menge an Vitaminen, Calcium, Eisen, Magnesium, Phosphor, Kalium, Zink und natürlich Carotin. Man sagt ihr sogar nach, sie würde die Sehkraft verbessern und sie verpasst jedem Gericht die perfekte, farbige Note: die Karotte.
Man kennt sie auch als „Möhre“, „Mohrrübe“, „Gelbrübe“, „Gelbe Rübe“ oder „Wurzel“. Aber egal, wie man sie nennt, sie ist ein leckerer Snack für zwischendurch, darf in keinem Gemüseauflauf fehlen und man kann sich mit ihr bei diversen Kaninchen, Pferden und sogar manchen Hunden beliebt machen, denn die orangene Pfahlwurzel schmeckt nicht nur uns Menschen.
Dabei war das leckere Wurzelgemüse, in das sich so gut herzhaft reinbeißen läß, nicht immer orange. Ursprünglich war die Karotte aus der Familie der Doldenblütler, je nach Herkunftsland, weiß oder lila und ziemlich dünn. Die orangene Karotte, wie wir sie kennen und gewohnt sind, gibt es noch gar nicht so lange. Sie ist ein von Menschen gemachtes Designerprodukt, wie so viele unserer heutigen Lebensmittel.
Dass an Saatgut manipuliert wird, ist nicht neu. Von jeher wurde versucht, die Ernte reichhaltiger, robuster und weniger anfällig für Schädlinge zu machen. Schon in grauer Vorzeit haben die Menschen mit ihren Lebensmitteln herum experimentiert und versucht, durch Kreuzungen Pflanzen und Tiere zu „verbessern“. Viele Getreide- und Maissorten, die wir heute ganz selbstverständlich konsumieren, sind nicht natürlich entstanden. Erst als man anfing, dem „Kind“ gruselige Namen zu geben, wie „Genmais“ zum Beispiel, regt sich jeder darüber auf und will nur noch „Bio“ essen, was nichts anderes bedeutet als „ungespritzt“, denn so richtig urtümliches Saatgut wird man wohl kaum noch irgendwo finden.
Im Fall der Karotte ist das auch gar nicht weiter schlimm. So langsam kommen zwar auch wieder andersfarbige Möhren in Mode und auf Märkten findet man immer öfter außer der orangenen Karotte auch weiße, gelbe, lilafarbene und sogar schwarze Vertreter ihrer Art, aber die liebgewonnene orangene Karotte hat von allen die meisten Nährwerte, die sie ihrem vielen Alpha- und Beta-Karotin zu verdanken hat, die nämlich für die orange Farbgebung verantwortlich ist.
Das erste Mal schriftlich erwähnt wurde die orangene Karotte im Jahr 1721 und wurde in den Niederlanden angebaut. Davon geht man aus, da auch die ersten Gemälde, auf denen das orangene Gemüse abgebildet wurde, aus den Niederlanden des 17. Jahrhunderts stammen. Und auch die ersten Beschreibungen dieser Sorte stammen von niederländischen Bauern, die erklärten, die orangene Züchtung stamme von gelben Sorten ab. Aber warum musste die Wurzel unbedingt orange sein? Reichte es nicht, sie einfach nur voluminöser zu gestalten, egal ob lila, gelb oder weiß? Dazu gibt es eine schöne Geschichte, die allerdings ins Reich der Legenden gehört, weil sie nirgends so richtig historisch bestätigt wird:
Es heißt, die niederländischen Gemüsezüchter, wollten sich bei ihrem Regenten für seine Taten irgendwie erkenntlich zeigen und ihm danken, indem sie die Karotte ihm zu Ehren orange färbten. Denn die Regenten, die erst Anfang des 19. Jahrhunderts den Titel „König“ tragen durften, waren alle „Fürsten von Oranien“. Wenn man schon die Farbe „Orange“ im Namen trägt, liegt es ja auch nahe, daß nationalen Ehrungen in strahlendes orange getaucht werden…
Um welchen Regenten genau es sich jetzt gehandelt hat, ist umstritten. Von Wilhelm I. von Oranien (1559-1584) weiß man, daß eine Tulpe seinen Namen trägt. Er war der Führer des niederländischen Unabhängigkeitskrieges gegen Spanien. Auch sein Nachfolger Moritz von Oranien ( 1567 – 1625)kämpfte gegen die Spanier und konnte sie innerhalb von vier Jahren aus den sieben Provinzen vertreiben. Friedrich Heinrich von Oranien (1584 – 1647)führte den Kampf weiter und eroberte mehrere von den Spaniern gehaltene befestigte Städte. Willhelm II. von Oranien (1626-1650)hätte die Ehre allerdings auch verdient, denn er besiegelte die Unabhängigkeit der Niederlande. Vielleicht ist aber auch Wilhelm III. von Oranien-Nassau ( 1650-1702) gemeint, denn er konnte im Kampf gegen die Franzosen die Unabhängigkeit des Landes bewahren…
Wem zu Ehren auch immer die Karotte heute im orangenen Gewand daher kommt, sie alle hätten diese Auszeichnung verdient, denn wer braucht schon gold-glänzende Orden auf der Brust, überdimensionale Standbilder oder Gedenktafeln, wenn man seinen Teller mit Karotten in der Nationalfarbe dekorieren kann??

Text: Nadja von der Hocht
Fotos: Stephen Ausmus / Public domain