Das Korsett

Welches romantisch veranlagte, junge Mädchen hat nicht mit ungebrochener Begeisterung die alten Sissi-Filme mit Romy Schneider verschlungen? Und zwar nicht unbedingt wegen der Story, sondern wegen der aufwendig ausgestatteten Kostüme! Die Darstellerinnen der Hofdamen, Prinzessinnen und nicht zuletzt der jungen Kaiserin selbst trugen in fast jeder Einstellung ein anderes, wunderschönes, taillenbetontes Kleid mit weitem, verschwenderisch ausgestattetem Reifrock.
Um so eine schöne Silhouette mit aufrechter Haltung und schmaler Taille hinzubekommen, haben die Damen von damals keineswegs Sport getrieben, stundenlang den Bauch eingezogen, Flachatmung geübt oder sich womöglich das üppige Festbankett verkniffen. Nein, nein, nein! Unter den vielen Lagen von sündhaft teurem Stoff wurde der Körper in ein Korsett gezwängt und so lange fest verschnürt, bis die gewünschte Körperform, die gerade der Mode und dem gängigen Schönheitsideal entsprach, erreicht wurde. Nicht das Gewand wurde auf den Körper geschneidert, sondern der Körper wurde dem Gewand angepasst. Denn manche Körperformen, die ab und an als schön galten, wären ohne ein formendes Korsett nicht umzusetzen gewesen.
Sehr lange bestimmte der strenge spanische Modestil, wie eine Dame auszusehen hatte. Ab der Mitte des 16. Jahrhunderts erforderte die Mode ein Korsett, das den Oberkörper zu einem Konus formte. Der Körper wurde so verschnürt und an bestimmten Stellen ausgepolstert, dass der Dame die Brust flach gedrückt wurde und die Bauchpartie spitz zulief.
Zu welchem Zeitpunkt genau das Korsett in Mode kam, ist heute schwer nach zu vollziehen. Man erkennt auf alten Gemälden, die so um das Jahr 1530 entstanden sind und auf denen adelige Damen abgebildet wurden, daß sich wohl unter den Schichten Stoff, geschmückt mit Perlen, Spitze und Brokat ein formendes Korsett verbarg. Denn anders hätte man so einen, damals als schön und schicklich geltenden, kegelförmigen Oberkörper wohl nicht hin bekommen.
Der Wunsch nach einer möglichst schmalen Taille ist aber schon viel älter, denn die vermutlich älteste Erwähnung einer „Wespentaille“ fand man bei einem Bibliothekar der Fatimiden, einer islamischen Dynastie, die von 909 bis 1171 im Maghreb, in Syrien und Ägypten herrschte. Dort gibt es ein Gedicht zu lesen, das sich auf christliche Mädchen bezieht, die einen sogenannten „Christengrütel“ trugen. Die Verse in diesem Gedicht beschreiben die zierliche Gestalt und die zarte, wespengleiche Taille dieser Mädchen.
Also kann man wohl getrost davon ausgehen, dass es für Frauen und Mädchen von jeher erstrebenswert war, um die Mitte herum möglichst schmal zu erscheinen und dass sie sich auch schon in Zeiten, bevor das Korsett erfunden wurde, die breiten Gürtel möglichst eng geschnürt haben.
Das älteste noch erhaltene Korsett wurde im Grab der Eleonora von Toledo entdeckt. Sie war die zweite Tochter des spanischen Vizekönigs von Neapel, herrschte 23 Jahre lang als Herzogin über Florenz und starb 1562. Auch ihre Kleidung war üppig und verschwenderisch ausgestattet und man erkennt auf Gemälden von ihr, den für diese Zeit typischen, konisch geformten Oberkörper. Das Korsett, das sie bei ihrer Beerdigung trug, war mit Rohr versteift.
Im streng konservativen Spanien hielt man sehr lange an dieser Mode fest, während in den übrigen europäischen Ländern ab dem frühen Barock, so um 1620 bis 1650 die Mode einen langsamen aber stetigen Wandel durchlief. Die weibliche Brust wurde nicht mehr versteckt. Man trug jetzt Dekolleté. Die Brust wurde nicht mehr in hoch geschlossenen Kleidern plattgedrückt, sondern mit Hilfe des Korsetts nach oben gehoben und in offenherzigen, weit ausgeschnitten Kleidern zur Schau gestellt. Taille und Rockansatz wanderten ein ganzes Stück nach oben.
Während der Regentschaft des französischen Königs Ludwig XIV. (1638 – 1750, auch bekannt als der Sonnenkönig), etwa nach 1660, wurde die Taille immer schmaler, bis hin zur Wespentaille. Nicht nur eine schmale Taille, auch eine gerade Haltung war nun erwünscht, da die Damen und Herren bei Hofe oft stundenlang dekorativ in der Gegend herum stehen mussten. So half nun das Korsett, dank seiner immer stabiler werdenden Stützkonstruktion, zusätzlich dabei, sich nicht hängen zu lassen und Haltung zu bewahren.
Im Rokoko, ab ca. 1725 kam endlich der Reifrock hinzu. Die sehr breiten Ausführungen damals, mit denen man kaum noch durch die Tür kam, ließen die ohnehin schon sehr eng geschnürte Taille noch schmaler erscheinen.
Hundert Jahre später, so gegen 1828/29 wurden metallene Schnürösen erfunden und das Korsett bekam seinen ersten Vorderverschluss mit Haken und Ösen. Bis dahin war es nämlich sehr schwierig, sich ohne Hilfe in so ein Ding zu quetschen. Hatte die Dame des Hauses den Ehrgeiz, die schmalste Taille der Welt zu besitzen, war die Hilfe einer Zofe unverzichtbar, die mit aller Kraft an den Schnüren zerrte und auch schon mal den Fuß auf dem Gesäß der Herrin abstellte, um noch fester ziehen zu können. Mit den neuen metallenen Ösen an der Vorderseite, reichte es, das Korsett einmal auf die gewünschte Weite, bzw. Enge einzustellen und hinten feste zu verknoten. Der Verschluss vorne erlaubte es der Trägerin endlich, das Korsett auch alleine, ohne fremde Hilfe an- und abzulegen.
Zwischen 1830 und 1870 kam so langsam die bekannte „Sanduhrform“ auf, die auch heute noch als klassische Korsettform gilt: eine relativ große Hüft- und Oberweite bei möglichst kleiner Taillenweite. Die Hüfte selbst war vom Korsett zunächst nicht betroffen, da ja die Krinoline mit den weiten Röcken schon für möglichst viel Volumen sorgte. Auch schien es für nicht so schlimm empfunden worden zu sein, dass durch das enge Schnüren der Taille sämtliche Organe sich einen neuen Platz im Körper suchen mussten und notgedrungen in den Unterbauch wanderten, der dadurch unschön hervorquoll, was aber sorgsam durch die weiten Röcke versteckt wurde.
Erst als die Modelinie immer schmaler wurde, wurden auch die Korsetts nach unten hin länger und formten nun auch Hüfte und Bauch.
Gegen 1900 wurde das „S-Korsett“ entwickelt, das die Brust raus- und den Bauch reindrückte und leider eine sehr unnatürliche Körperhaltung erzwang. Knapp zehn Jahre später wurde es durch das Unterbrustkorsett abgelöst, um kurze Zeit später im Zuge der immer stärker werdenden Frauenbewegung völlig aus der Mode zu geraten.
Ab 1919 durften jetzt nämlich auch Frauen wählen, ein eigenes Bankkonto besitzen und einem Beruf nachgehen, was sie auch verstärkt taten. Und da so ein Korsett den Körper sehr in seiner Bewegungsfreiheit einschränkt, wurde es für lange Zeit ersatzlos aus dem Kleiderschrank verbannt.
Heutzutage wird wieder ab und zu ein Korsett getragen… allerdings über der Kleidung als optischer Hingucker. In der Gothik-Szene ist es sehr beliebt oder als Arbeitsutensil für Dominas.,. Und obwohl zu allen Zeiten Ärzte vor zu übermäßigem Tragen und zu engem Schnüren des Korsetts gewarnt haben, können manche Mädels es nicht lassen ihre ganz eigene Challenge zu starten, wer denn die schmalste Taille hat.
Das Guinness-Buch der Rekorde führt Ethel Granger (1905 – 1982) als die Frau mit der schmalsten, jemals gemessenen Taille mit einem Umfang von wahnsinnigen 33cm! In der Rubrik „Die schmalste Taille einer lebenden Frau“ hält bis heute Cathie Jung den Rekord mit 38 cm und die Dame hat das biblische Alter von 80 Jahren bereits überschritten!
So eine Passion kann auch gewaltig schief gehen, wie man am Beispiel einer jungen Pariserin aus dem 19. Jahrhundert sehen kann. Auch sie wurde wegen ihrer schmalen Taille von allen bewundert, bis sie eines Tages unerwartet mit nur 23 Jahren verstarb. Die Familie wollte wissen, woran das Mädchen gestorben war und ließ eine Obduktion durchführen. Der Befund war erschreckend: Gleich drei Rippen hatten die Leber durchbohrt! Und so stand auf dem Totenschein: Todesursache: Korsett!
Heute, in unserer modernen, schnelllebigen Welt, ist es sehr schwer ein Korsett in den Alltag zu integrieren. Wenn man sich darin wohlfühlt und schön findet, trägt Frau es vielleicht mal zu besonderen Anlässen, aber nicht mehr jeden Tag … es sei denn, Frau will einen neuen Rekord aufstellen … was nicht unbedingt ratsam ist, wenn man bei zu enthusiastischem Schnüren Gefahr läuft, dass einem der Dickdarm irgendwann um die Knie klatscht! Wenn man jedoch behutsam dabei zur Sache geht, hat eine schmale und fest verschnürte Taille durchaus etwas für sich, wenn man keine Lust hat, sich selbige durch Sport anzueignen…

Text: Nadja von der Hocht

Bild: Thylda [Public domain], via Wikimedia Commons

Der Minirock

Wenn man es genau nimmt, existiert der Minirock bereits seit der Antike. Allerding wurde er damals nicht von Frauen getragen, sondern von Männern. Es war der Männerrock, der im alten Ägypten und Griechenland weit verbreitet war. Die Jungs trugen ihn als Lendenschurz zum Beispiel beim Sport. Die praktische Bekleidung wurde um die Hüften gebunden um schlicht und einfach die primären Geschlechtsmerkmale zu verhüllen und sich trotzdem frei bewegen zu können. Die Krieger vom Stamme der Massai in Ost-Afrika tragen bis heute einen weithin sichtbaren, roten Minirock, der zu ihrer traditionellen Stammestracht gehört.

Den Sprung in die Neuzeit schaffte der Minirock in Form eines Bühnenkostüms erstmals getragen von Nora Weindl, die in der deutschen Operette „Der Zarewitsch“ von Lehár im Jahre 1932 dazu wadenhohe, hochhackige Lederstiefel trug. In der Zeit danach wurde der Minirock immer wieder gerne von Schauspielerinnen und Tänzerinnen auf der Bühne oder in Revuefilmen getragen aber niemals in der Öffentlichkeit!

Den Einzug auf die Laufstege und schließlich auch in alle Warenhäuser der westlichen Welt ermöglichte dem aufreizenden Stückchen Textil die britische Modedesignerin Mary Quant als eine Reaktion auf eine Aussage der Mode-Ikone Coco Chanel. Diese meinte, das Knie sei das häßlichste Körperteil einer Frau. Darüber ärgerte sich Mary Quant so dermaßen, daß sie kurzerhand alle Röcke ihrer damaligen Kollektion von 1962 über dem Knie abschnitt.
Die Geburtsstunde des modernen Minirocks, den bis heute in allen erdenklichen Formen, Farben und Längen getragen wird.
Sogar die Vogue bildete ihn ab. Nur drei Jahre danach avancierte das skandalöse Röckchen zum weltweiten Verkaufsschlager. Der französische Modedesigner André Courrèges half bei der Etablierung des Minirocks, indem er ihn auch in die Pariser Modewelt einführte.

Die 1960er Jahre waren der perfekte Zeitpunkt für den Minirock um neu erfunden zu werden, da die damalige Jugend sowie so gerade dabei war sich gegen Eltern, Lehrer und alt ehrwürdige gesellschaftliche Konventionen aufzulehnen und an jeder Ecke zu protestieren und zu provozieren, war der Mini das perfekte Outfit um den gemeinen Spießbürger auf die Palme zu treiben.
Was für die einen als ein Ausdruck von allgemeiner Respektlosigkeit galt, war für die anderen ein Zeichen eines neuen Selbstverständnisses und vor allem eine Befreiung von alten, auferlegten Zwängen. Immer mehr junge Frauen feierten ihr neues Selbstbewusstsein und ihre Freiheit eigenständig zu sein und trugen mit Stolz den Minirock sogar im Winter… allerdings mit dicken Strümpfen.

Sogar das britische Königshaus hatte dem Trent bald nichts mehr entgegen zu setzen und akzeptierte offiziell eine Länge des Rocks von penibel und exakt nachgemessenen sieben Zentimetern über dem Knie.
1966 wurde Mary Quant sogar für ihre mutige Kreation mit dem „Order oft he British Empire“ ausgezeichnet. Zur Verleihung des Ordens im Buckingham Palace erschien sie dem Anlass nach entsprechend gekleidet: natürlich im Minirock.

Text:  Nadja von der Hocht
Foto: von Ed Uthman from Houston, TX, USA (Rhodes 1970s D05.jpg) [CC BY-SA 2.0], via Wikimedia Commons

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