Der Minirock

Wenn man es genau nimmt, existiert der Minirock bereits seit der Antike. Allerding wurde er damals nicht von Frauen getragen, sondern von Männern. Es war der Männerrock, der im alten Ägypten und Griechenland weit verbreitet war. Die Jungs trugen ihn als Lendenschurz zum Beispiel beim Sport. Die praktische Bekleidung wurde um die Hüften gebunden um schlicht und einfach die primären Geschlechtsmerkmale zu verhüllen und sich trotzdem frei bewegen zu können. Die Krieger vom Stamme der Massai in Ost-Afrika tragen bis heute einen weithin sichtbaren, roten Minirock, der zu ihrer traditionellen Stammestracht gehört.

Den Sprung in die Neuzeit schaffte der Minirock in Form eines Bühnenkostüms erstmals getragen von Nora Weindl, die in der deutschen Operette „Der Zarewitsch“ von Lehár im Jahre 1932 dazu wadenhohe, hochhackige Lederstiefel trug. In der Zeit danach wurde der Minirock immer wieder gerne von Schauspielerinnen und Tänzerinnen auf der Bühne oder in Revuefilmen getragen aber niemals in der Öffentlichkeit!

Den Einzug auf die Laufstege und schließlich auch in alle Warenhäuser der westlichen Welt ermöglichte dem aufreizenden Stückchen Textil die britische Modedesignerin Mary Quant als eine Reaktion auf eine Aussage der Mode-Ikone Coco Chanel. Diese meinte, das Knie sei das häßlichste Körperteil einer Frau. Darüber ärgerte sich Mary Quant so dermaßen, daß sie kurzerhand alle Röcke ihrer damaligen Kollektion von 1962 über dem Knie abschnitt.
Die Geburtsstunde des modernen Minirocks, den bis heute in allen erdenklichen Formen, Farben und Längen getragen wird.
Sogar die Vogue bildete ihn ab. Nur drei Jahre danach avancierte das skandalöse Röckchen zum weltweiten Verkaufsschlager. Der französische Modedesigner André Courrèges half bei der Etablierung des Minirocks, indem er ihn auch in die Pariser Modewelt einführte.

Die 1960er Jahre waren der perfekte Zeitpunkt für den Minirock um neu erfunden zu werden, da die damalige Jugend sowie so gerade dabei war sich gegen Eltern, Lehrer und alt ehrwürdige gesellschaftliche Konventionen aufzulehnen und an jeder Ecke zu protestieren und zu provozieren, war der Mini das perfekte Outfit um den gemeinen Spießbürger auf die Palme zu treiben.
Was für die einen als ein Ausdruck von allgemeiner Respektlosigkeit galt, war für die anderen ein Zeichen eines neuen Selbstverständnisses und vor allem eine Befreiung von alten, auferlegten Zwängen. Immer mehr junge Frauen feierten ihr neues Selbstbewusstsein und ihre Freiheit eigenständig zu sein und trugen mit Stolz den Minirock sogar im Winter… allerdings mit dicken Strümpfen.

Sogar das britische Königshaus hatte dem Trent bald nichts mehr entgegen zu setzen und akzeptierte offiziell eine Länge des Rocks von penibel und exakt nachgemessenen sieben Zentimetern über dem Knie.
1966 wurde Mary Quant sogar für ihre mutige Kreation mit dem „Order oft he British Empire“ ausgezeichnet. Zur Verleihung des Ordens im Buckingham Palace erschien sie dem Anlass nach entsprechend gekleidet: natürlich im Minirock.

Text:  Nadja von der Hocht
Foto: von Ed Uthman from Houston, TX, USA (Rhodes 1970s D05.jpg) [CC BY-SA 2.0], via Wikimedia Commons

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Irena Sendler – eine heimliche Heldin

Ich wage zu behaupten: heute kennt jedes Kind den Namen Oskar Schindler. Spätestens, seit Steven Spielberg dem Sudetendeutschen mit seinem Film „Schindlers Liste“ ein Denkmal gesetzt hat, kennt jeder den Mann, der 1200 Juden das Leben rettete, indem er sie auf seine Liste für „kriegswichtige Arbeiter“ in seiner Emaille-Fabrik setzte.
Doch da gab es noch jemanden, der nicht untätig zusah, wie die „Herrenmenschen“ sich anschickten, systematisch ein ganzes Volk zu vernichten.
Eine junge Sozialarbeiterin verschaffte sich Zugang zum Warschauer Ghetto und schmuggelte in Wekzeugkoffern, Mülltonnen und Holzkisten nach und nach über 2500 jüdische Kinder an den Nazis vorbei und brachte sie in Pflegefamilien, Waisenheimen und Klöstern unter falschen Namen unter. Ihr Name war Irena Sendler; und auch sie hatte eine Liste…

Irena Sendler, oder auch Sendlerowa kam am 15. Februar 1910 in Warschau als Irena Krzyżanowska zur Welt.
Über Irenas erste 27 Lebensjahre ist wenig bekannt. Ihr Vater, ein Arzt, starb sehr früh während der Typhus-Epidemie 1917 in Otwock, als er versuchte, diese zu bekämpfen.
Sie war also erst sieben Jahre alt, als sie ihren Vater verlor. Doch er hat seiner Tochter ein Lebensmotto mitgegeben, an dass sie sich bis zuletzt gehalten hat:
„Wenn du einen Menschen siehst, der am Ertrinken ist – dann reiche ihm die Hand!“

Irena ließ sich zur Krankenschwester ausbilden und arbeitete später als Sozialarbeiterin in Warschau. Nach der Besetztung Warschaus durch die Nationalsozialisten 1939 musste sie mit ansehen, wie die polnischen Juden in ein Ghetto gesperrt wurden, das später zum Sperrgebiet erklärt wurde. Zusammen mit mehreren Kollegen vom Sozialamt verschaffte sie sich Zugang zum Ghetto, indem sie für sich und ihre Mitarbeiter Ausweise der Sanitätskolonne besorgte, zu deren Aufgaben es gehörte, ansteckende Krankheiten zu bekämpfen. Sie erkannte die Zeichen der Zeit und wußte, was den Bewohnern des Ghettos demnächst bevor stand und so fasste sie einen Plan. Sie wollte so viele Kinder wie möglich aus den streng bewachten Mauern heraus schmuggeln um sie so vor dem sicheren Tod zu bewahren. Über das Wohlfahrtsministerium erhielten diese Kinder falsche Papiere, mussten lernen den jiddischen Akzent abzulegen und auch sonst alle jüdischen Bräuche strikt zu vermeiden. Sie wurden bei Pflegefamilien, in Klöstern und Waisenhäusern untergebracht.
Das ging eine Weile gut, bis im Oktober 1942 die Kontrollen extrem verschärft wurden und so die weitere Hilfe über das Sozialamt unmöglich gemacht wurde. Also wandte sich Irena im Dezember 1942 an die Untergrundorganisation „Żegota“, deren Mitglied sie wurde. Mit deren Hilfe konnte sie ihre Arbeit im Ghetto wieder aufnehmen.
Mit dem Herausschmuggeln und verstecken der Kinder war die Arbeit längs noch nicht erledigt. Das Schwierigste war es nämlich nicht, die Kinder an den Bewachern unbemerkt vorbei zu schleusen, sondern die Eltern davon zu überzeugen, sich von ihnen zu trennen und sie völlig fremden Menschen mitzugeben, ohne eine Garantie dafür geben zu können, daß das Unterfangen auch erfolgreich sein würde. Die einzige Garantie, die Irena und ihre Helfer geben konnten war der sichere Tod, falls sie bleiben würden. Die tränenreichen, verzweifelten Szenen die sich beim Abschied jedes Mal abspielten, hat sie niemals vergessen. Manchmal verfolgten sie die Geister der Vergangenheit sogar bis in ihre Träume.

Mit der Unterbringung der Kinder, sowie Tarnung der Identitäten gab sich Irena aber auch noch  nicht zufrieden. Sie wollte nicht, daß die Herkunft ihrer Schützlinge in Vergessenheit gerät. Manche von den Kleinen waren noch sehr, sehr jung und liefen Gefahr ihre wahren Eltern mit der Zeit zu vergessen. So fertigte sie Listen an, auf denen sie jeden einzelnen Namen mit Herkunft sowie dessen Deckname penibel genau vermerkte. Die Daten waren zwar verschlüsselt, trotzdem waren diese Seiten eng beschriebenes Papier, ihr wertvollster Schatz und durften auf keinen Fall in falsche Hände geraten. Ohne diese Informationen, würden die Kinder später niemals ihre wirklichen Namen und die Namen ihrer Eltern oder die einfache Tatsache, dass sie Juden waren, erfahren.
Nur ein Jahr später, 1943, wurde Irena Sendler verraten und am 20. Oktober von der Gestapo verhaftet und zum Tode verurteilt. Das Urteil sollte allerdings erst vollstreckt werden, nachdem sie sämtliche Namen der geretteten Kinder preisgegeben hatte. Doch Irena schwieg beharrlich. Selbst unter der Folter, bei der man ihr Arme und Bein brach, sagte sie kein Wort. Nach drei Monaten schlimmstem Martyrium schaffte es die „Żegota“ Irena freizukaufen. Der Untergrundorganisation gelang es, einen SS-Mann zu bestechen, der sie auf dem Weg zu ihrer Hinrichtung niederschlug und im Straßengraben liegen ließ. Offiziell meldete er, dass die Hinrichtung vollzogen sei und so konnte Irena nach ihrer knappen Rettung ihren Namen ändern und im Untergrund das Ende des Krieges abwarten.
Die von den Besatzern so heiß begehrten Listen überdauerten unberührt die Zeit in einem Einmachglas, das Irena wohlweislich unter einem Apfelbaum im Garten einer Freundin vergraben hatte.

Nach Kriegsende geriet das couragierte Engagement der jungen Polin in Vergessenheit. Rund fünfzig Jahre wollte niemand etwas über die Taten der „Judenhelferin“, wie man sie im Sozialismus abschätzend bezeichnete, wissen. Denn mit dem Kommunismus, der danach in Polen herrschte, konnte sich Irena ebenso wenig erwärmen, wie für den Nationalsozialismus.
Erst sehr viel später begann man damit, sich an den Mut und die Aufopferungsbereitschaft der Frau zu erinnern und mit Auszeichnungen zu Ehren, die über 2500 Kindern das Leben und die Identität vor der vollständigen Vernichtung gerettet hat.
1965 wurde Irena Sendler mit dem Titel „Gerechte unter den Völkern“ durch die „Yad Vashem“ geehrt.
1997 erhielt sie das Kommandeurskreuz des „Ordens der Wiedergeburt Polens“.
2001 folgte in Anerkennung der Verdienste bei der Hilfe für Bedürftige das Kommandeurskreuz mit Stern des „Ordens der Wiedergeburt Polens“.
2003 erhielt sie die größte Auszeichnung Polens: den „weißen Adler für Tapferkeit und großen Mut“.
2007 schließlich verlieh man ihr die internationale Auszeichnung „Kavalier des Ordens des Lächelns“. Außerdem war sie in diesem Jahr eine von 181 Nominierten für den Friedensnobelpreis, der allerdings Al Gore verliehen wurde, für seine Power-Point-Präsentation über die Globale Erwärmung…
Mittlerweile wurden viele Bücher über sie geschrieben, sogar ein Film wurde gedreht und Theaterstücke aufgeführt.
All dieser späte Ruhm war ihr nie wichtig. Sie wollte nie als Heldin gefeiert werden.
„Ich tat nur, was ich tun musste“, sagte sie immer wenn man sie danach fragte. Und sie sei ja nicht die einzige gewesen, die geholfen hat, berichtigte sie bescheiden. Es gab viele Helfer.
Wir haben das getan, was ein jeder Mensch tun sollte. Und das ist es.“

Irena Sendler, der „Engel von Warschau“, verstarb am 11.05.2008 im Alter von 98 Jahren.

Foto: von Mariusz Kubik (own work, User:Kmarius) [GFDL, CC BY 3.0 oder Attribution], via Wikimedia Commons

Meine Hunde und die Avocados

Manchmal bin ich echt beeindruckt von meinen Wuffis und dann will ich davon erzählen:
Wir haben letzten Winter drei Monate in Andalusien verbracht. Wir alle: mein Mann, zwei Hunde, vier Katzen und ich. Wir hatten ein kleines Häuschen mitten in den Avocado- und Olivenplantagen. Beim Spazierengehen kullerten einem die reifen Früchte direkt vor die Füße. Natürlich konnte ich nicht wiederstehen und sammelte eifrig alles ein was sich mir so freigiebig darbot.
Die erste Avocado wurde noch auf dem Weg gepellt und begeistert verspachtelt ; und weil das leckere Ding schon so weich war, durften mein kleines Toy-Terrier-Mädchen Piroschka und mein Pointer-Mix Pauli die Reste von meinen Fingern lecken. Die fanden das grüne Zeugs ebenfalls sehr genießbar und bestanden zu Hause auch gleich auf einen Nachschlag. Selbstverständlich wurden die restlichen Früchte gerecht unter uns dreien aufgeteilt. Da mein Mann keinen Gefallen an der „fettigen, grünen Butter“ findet, wie er sie nennt, blieb umso mehr für uns übrig.
Einige Tage später besuchten wir mit unseren Hunden unseren Nachbarn auf einen Kaffee und ließen die Racker auf dem Grundstück herumtoben, das ebenfalls üppig mit Obst-, Oliven- und Avocadobäumchen bepflanzt war. Plötzlich tauchte unser Pauli aus dem Unterholz mit einer grünen Frucht im Maul auf, klemmte sie zwischen seine Pfoten und fing an, sie zu zerpflücken. Da in dieser Gegend hauptsächlich die Sorte „Hass“ angebaut wird, musste er sich diese grüne Avocado direkt noch unreif vom Baum gepflückt haben. Er schabte mit den Zähnen so lange darauf herum, bis er den Kern freigelegt hatte, den er allerdings verschmähte. Ich war total beeindruckt, dass er die Verbindung zwischen der Frucht in meiner Hand und der am Baum ganz allein hergestellt hatte. Allerdings schmeckte ihm die steinharte Avocado nicht und so ging ich zwischen den Stämmchen auf die Suche nach einem schwarzen, bereits reifen und weichen Exemplar, wobei mich meine Hunde aufmerksam beobachteten. Ich fand tatsächlich noch ein weiteres, schwarzes, weiches Leckerschmecker, pellte es und teilte wieder brüderlich mit meinen Schlawinern.
Unser Pauli ist ein echter Genießer und so lutschte und malmte er verzückt auf der grünen Masse herum, bis nichts mehr übrig war … oder die kleine Piri und ich den Rest vertilgt hatten.
Ab dann pflückte er keine unreifen Früchte mehr vom Baum. Statt dessen pflügte er mit seiner Pointer-Nase über den Boden zwischen den Bäumen und sammelte nur noch die schwarzen, weichen, genießbaren Früchte ein, mit denen er sich wohlweislich irgendwo versteckte, um ja nichts abgeben zu müssen. Die kleine Piri tat es ihm gleich. Jeden Morgen, wenn ich die Haustür öffnete, um die Hunde und Katzen zum Pipi-machen raus zu lassen, stoben die beiden Racker davon und tauchten in der benachbarten Plantage unter, um sich ihr Frühstück vom Boden zu sammeln. In der nächsten Zeit hatten beide einen sehr geschmeidigen Stuhlgang … doch dies sei nur beiläufig am Rande erwähnt…
Wieder zurück erzählte ich stolz wie Oskar einer Bekannten von unserem Andalusien-Abenteuer und von meinen lernwilligen und hochbegabten Hunden und wie wir uns jeden Tag an Avocados fett gefuttert hatten. Leider reagierte sie auf die Tatsache, dass ich meinen Hunden Avocados zu fressen gegeben hatte, sehr ungnädig und versetzte mir direkt einen Dämpfer, indem sie mich darüber belehrte, dass Avocados für Hunde giftig seien und dass sie diese auf gar keinen Fall fressen dürften. Leicht geschockt lauschte ich mit einem Ohr ihren Ausführungen wobei sie mir auch gleich den Namen des bösen, für Hunde giftigen Inhaltstoffes einer Avocado mitteilte, den ich aber sofort wieder vergaß, weil ich bereits gedanklich damit beschäftigt war, den kompletten Andalusien-Aufenthalt und das Verhalten meiner Hunde sowie deren Reaktionen Revue passieren zu lassen.
Ein Teil von mir glaubt immer sofort alles, was mir die Leute erzählen, während ein anderer, älterer, weiserer Teil, der sich immer erst in den ruhigen Abendstunden zu Wort meldet, darauf besteht, Neuigkeiten erst einmal ausführlich zu recherchieren und auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen, bevor man dem Langzeitgedächtnis erlaubt, die neue Information als unumstößliche Tatsache abzuspeichern.
Außerdem plagte mich ein bißchen die Sorge, dass ich unwissentlich meine Hunde vergiftet haben könnte, wobei eine andere Stimme dagegenhielt, dass kein Hund so blöd ist, absichtlich schädliche Sachen zu fressen. … außer vielleicht total gierige, verfressene, Leckerli-süchtige Futterneider eventuell. Und dazu zähle ich meine beiden Schnuckis mal so überhaupt nicht. Die lassen sogar die Katzen aus ihrem Napf fressen und gucken dabei geduldig zu.
Das Netzt hält zum Thema :“Avocado- giftig für Hunde oder nicht“ widersprüchliche Informationen bereit. Einig ist man sich nur darin, dass die Avocado einen Stoff namens PERSIN enthält, der für Menschen ungefährlich, für viele Tiere, darunter auch Katzen und Hunde giftig sein soll. Allerdings behaupten einige „Experten“, dass das Gift sich in der ganzen Frucht befindet, während wieder andere meinen, es komme nur im Kern und in der Schale der Frucht sowie in der Rinde des Baumes vor, welches Dinge sind, die von Hunden eher selten verspeist werden und geben diesbezüglich Entwarnung.
Weitere Recherchen in diversen Foren haben ergeben, dass auch andere Hundebesitzer schon beobachtet haben, wie ihre Lieblinge sich an der verbotenen Frucht gütlich taten und keine Vergiftungserscheinungen an ihnen feststellen konnten, was wiederrum zu einer Diskussion führte, in der es darum ging, dass es ja verschiedene Sorten von Avocados gibt und dass vielleicht einige weniger oder gar nicht giftig sein könnten.
Ich jedenfalls kann nur berichten, dass meine Hunde total auf Avocados (Sorte Hass – das sind die schwarzen) stehen, nie die Schale oder den Kern verspeist oder verschluckt haben und dass es ihnen nach dem Verzehr kein bißchen schlecht ging. Ganz im Gegenteil: ich meine Beobachtet zu haben, dass ihr Fell glänzender wurde und sie gesund und agil die Gegend unsicher gemacht haben.
Damit will ich jetzt niemanden ermutigen seinen Tieren Avocados zu verfüttern. Aber ich hoffe, dass ich der allgemeinen Panikmache im Netz ein wenig entgegenwirken kann. Denn auch zu diesem Thema gilt es, sich erst mal selber schlau zu machen und seinen Hund genau zu beobachten, wie er auf die Avocado reagiert, die er sich genehmigt hat. Jedes Tier reagiert anders und außerdem kommt es auch immer auf die Menge an. Zu viel von etwas ist immer ungesund. Auch an dem gesündesten Essen kann man sich den Magen verrenken.
Denn es ist so wie meine Großmutter immer zu sagen pflegte: „Alles mit “zu“ ist schlecht.“

Mein Mann und die Drahtbürste

Neulich im Dorfbaumarkt: Mein Mann und ich wollten nur schnell mal rein huschen, um eine Drahtbürste zu kaufen. Der Laden ist auf drei Etagen verteilt und führt so ziemlich alles was man für, im und rund ums Haus so gebrauchen kann. Trotz intensiver Suche konnten wir keine Drahtbürste finden und so stellten wir uns notgedrungen an den Tresen und warteten artig, bis der Mitarbeiter dem Kunden vor uns 90 Cent für eine Schlauchschelle abgerechnet hatte. Endlich der ungeteilten Aufmerksamkeit des leicht ungepflegten Schrates sicher, stellte mein Mann die einfache Frage:„Habt ihr Drahtbürsten?“
Ich stand etwas abseits, beobachtete die Szene und rechnete mit einem schlichten, männermäßigen „Ja, da!“ oder „Nein!“
Aber mitnichten. Zu meinem Erstaunen und großem, nur schwer unterdrücktem Ärger meines Angetrauten, wagte der Schrat zu fragen:
„Wozu brauchst du die denn?“
„Zum Drahtbürsten!“ konterte mein Mann mittelmäßig aus der Fassung gebracht.
„Ja, schon klar“, kam es leicht überheblich zurück. „Aber was willst du damit bürsten? Doch nicht etwa den Grill?“
Jetzt begann auch ich mich zu wundern, was es den Typen anging, was wir mit der Bürste vor hatten. Wenn der Laden Drahtbürsten führte, wäre es jetzt die Aufgabe eines guten Verkäufers gewesen, uns zu zeigen wo sie liegen.
Gut, um des lieben Friedens Willen, hätte man ihm ja sagen können, was wir damit zu tun beabsichtigten. Es lag mir auch schon auf der Zunge ihm lang und breit zu erklären, dass unser lange vernachlässigter Pool, der nicht gekachelt ist, sondern gestrichen, mit der verlangten Drahtbürste entschmoddert und auf den neuen Anstrich vorbereitet werden sollte. Doch ich zögerte, dazwischen zu reden, denn irgendwie hatte ich das Gefühl, dass es hier ums Prinzip ging… also hielt ich mich raus.
Ein Blick ins Gesicht des zotteligen Schrates verriet mir, dass es ihm gar nicht gefiel, dass mein Mann die verlangte Information nicht preis geben wollte. Er wollte doch so dringend nützlich sein und ein bißchen klugscheißen. Den Eindruck hatte ich jedenfalls gewonnen, als ich dabei zuhörte, wie er den Kunden vor uns mit seiner kleinen Schlauchschelle minutenlang mit guten Ratschlägen überschüttete.
Mit der Haltung würde er bei meinem Mann jedenfalls nicht weit kommen. Mein Mann weiß immer sehr genau was er tut und wozu er was braucht und er haßt es, seine Ambitionen erklären zu müssen. Schon gar nicht fremden Leuten, die sich unnütz aufdrängen.
Zum Glück entschied der Schrat in diesem Augenblick, nicht länger zuvorkommend sein zu wollen und schickte uns in den Gang, wo die bereits mehrfach erwähnten Drahtbürsten zu finden waren.
Nachdem sich unsere Augen in dem schlecht ausgeleuchteten Gang an das Dämmerlicht gewöhnt hatten, entdeckten wir doch tatsächlich mehrere Ausführungen der heiß ersehnten Drahtbürsten. Sie langen, oh Wunder, direkt neben den Grillutensilien…
Nachdem wir uns für eine Bürste entschieden hatten, gingen wir zum Tresen zurück um zu bezahlen, aber der Schrat war verschwunden. Er hatte sich wohl entschlossen, mit uns nichts mehr zu tun haben zu wollen und war auf der Suche nach dem nächsten Opfer, dass er belehren konnte. Wir bezahlten unsere Bürste bei der netten Kollegin und gingen zurück zum Auto.
Schon auf dem Weg dorthin, sah ich mit einem Seitenblick auf meinen Mann, dass es in ihm kochte. Auf dem Weg nach Hause sprudelte es aus ihm heraus:
„Was für ein Blödmann! Der hat mich jetzt total aufgeregt!“
„Was war denn so schlimm daran, dass er dich gefragt hat, was du mit der Bürste machen willst?“
„Ich wollte nur wissen, wo sie die scheiß Drahtbürsten versteckt haben! … und wenn ich mir damit die Eichel polieren will, geht ihn das gar nichts an!!“
„Vielleicht wollte er nur verhindern, dass du irgendeine kostbare Oberfläche mit der Drahtbürste ruinierst?…“
„Noch schlimmer! In dem Fall hält er mich für minderbemittelt! Ich brauche seine guten Ratschläge nicht. Ich schrubb mit der Bürste alles ab, was ich will!“
Gedanklich immer noch mit dem Polieren seiner Eichel beschäftigt, versuchte ich zu verstehen, warum mein Liebster auf diese aufdringliche Fragerei so angestrengt reagierte.
Gut, wir hatten es ein bißchen eilig und die Kaufabwicklung hätte etwas flotter von statten gehen können, wenn wir das blöde Ding selbst gefunden hätten. Vielleicht lag es auch daran, dass er sich in seinem Kopf schon genau ausgemalt hatte, wie er unserem Pool damit zuleibe rücken wollte und es an seinem wohlfeinen Plan nichts auszusetzen gab und er sich schlichtweg einfach nur jedwede Klugscheißerei seitens Außenstehender verbat.
Ist das jetzt wieder so ein „Männerding“ oder gehört es sich schlichtweg für einen Verkäufer nicht, nachzufragen, was man denn mit seiner Ware anstellen will?
Geht man in einer Drogerie Kondome kaufen, will man an der Kasse ja auch nicht gefragt werden, was man denn damit zu tun gedenkt! … und wird man daran gehindert Kondome zu kaufen, wenn man angibt, aus ihnen Wasserbomben basteln zu wollen, um damit den Nachbarn zu bewerfen??
Wenn ich alleine in den Laden gegangen wäre, die seltene Drahtbürste nicht gefunden und den Verkäufer nach ihrem Verbleib befragt hätte, wäre ich wohl, arglos, wie ich nun mal bin, auf seine Fragerei eingegangen … und hätte den Laden ohne die heilige Drahtbürste aber mit einer Palette Poolreinigungsutensilien samt neuem Filtersystem wieder verlassen.

Valentina

Tierische Kurzgeschichte nach einer wahren Begebenheit

Es war sehr ruhig in dem Naturpark zwischen der Cala Agulla und Cala Mesquida. Für Mitte Februar war es ein sehr schöner, sonniger Tag und die Tiere würden noch ein paar Wochen unter sich sein, bevor die Touristen wieder die Insel eroberten. Trotzdem waren heute zwei deutsche Wanderer unterwegs, die die Schönheit der Insel auch im Winter schätzten. Zwei Frauen hatten sich entschlossen, den Wanderweg zwischen den beiden Calas abzumarschieren und die Natur zu genießen. Sie hatten gerade die Anhöhe in Richtung Cala Mesquida bezwungen und machten sich auf der anderen Seite wieder an den Abstieg, als eine von beiden abrupt stehen blieb.
„Was ist?“ fragte die Blonde der beiden Frauen.
„Ich hab was gehört“, antwortete ihre Freundin und hielt lauschend den Kopf schräg.
„Was denn? Ich höre nur Blätter rascheln…“
„Pschschscht! … Da ist es wieder! Hast du gehört?“
„Ja… da meckert was. Ist ne Ziege. Davon laufen hier einige herum. Komm weiter.“
„Hör doch mal richtig hin! Die klingt wie ein Baby und meckert ganz verzweifelt.“
„Ja, naja, sie wird nach ihrer Mutter rufen. Können wir jetzt weiter gehen?“
„Bleib doch mal stehen! Hörst du die Mutter denn antworten?“
Die Frauen hielten gespannt die Nasen in den Wind und lauschten weiter.
„Nö. Ich hör nur eine Ziege.“
„Siehst du, da stimmt was nicht. Los, komm mit!“
Die Blondine ließ resigniert Kopf und Schultern hängen und folgte ihrer Freundin, die sich bereits in die Büsche schlug. Ab und zu blieben sie stehen, bis sie wieder das Meckern vernahmen und änderten jedesmal leicht die Richtung, bis das klägliche Meckern immer lauter wurde.
„Sie muss ganz in der Nähe sein“, flüsterte die Blondine. „Aber ich sehe sie nicht. Vielleicht hat sie uns kommen gehört und ist weggelaufen.“
„Kein Wunder, so wie du durchs Gehölz gepflügt bist!“
„Hey, jetzt werd mal nicht ulkig! … Ach, guck mal, da liegt sie ja!“
„Tatsächlich!“ freute sich die Freundin, „Ein schwarzes, Zicklein!“
Zwischen niedrigen Büschen und Sträuchern lag ein wenige Wochen altes Ziegenkind, meckerte kläglich und machte keinerlei Anstalten wegzulaufen.
„Oh, nein, sie ist verletzt!“ bemerkte die blonde Wanderin bestürzt. „Was machen wir jetzt mit ihr?“
„Wir nehmen sie mit und geben sie im Rancho ab“, bestimmte die Freundin kurzentschlossen.
„Wohin?“
„Na im Reitstall Bonanza. Die kümmern sich bestimmt.“
Sie nahm das Ziegenkind auf die Arme, das zu schwach war um sich zu wehren und kehrten nach Cala Ratjada zurück.
Das kleine Zicklein hatte die letzten Tage vergeblich versucht aus dem Euter seiner Mutter Milch zu trinken. Aber das Euter war leer. Aus irgendeinem Grund gab die Mutter keine Milch mehr und so war das Kleine irgendwann einfach liegengeblieben und konnte nicht mehr aufstehen. Die Mutter hatte noch versucht, es zum Aufstehen zu bewegen und es am Genick gepackt, um es hochzuziehen. Das hatte sie so lange versucht, bis die Herde weiter gezogen war. Der war sie dann gefolgt und hatte ihr Junges einfach liegen gelassen. Das Kleine war zu schwach, um der Herde zu folgen und so tat es, was alle Babies tun, wenn sie Angst haben, es rief ununterbrochen verzweifelt nach seiner Mama. Jetzt lag es bei der Menschenfrau auf dem Arm und war zu müde um Angst zu haben. Sie hatte das Kleine fürsorglich unter ihre Jacke gestopft und trug es nun zielstrebig den Berg wieder hinunter. Im Rancho angekommen wechselte die kleine Ziege im Handumdrehen das Pflegepersonal. Die beiden Wanderinnen schritten nach Abgabe des Findelkindes hurtig von dannen, dem nächsten Café entgegen, im vollen Bewusstsein, ihre heutige gute Tat bereits vollbracht zu haben, während im Rancho in der Futterkammer Bestandsaufnahme gemacht wurde. Ein Babyfläschchen war schnell gefunden, nur Milchpulver musste neu besorgt werden. Also wurden zwischen zwei Ausritten mal eben schnell die Aufgaben neu verteilt: Milchpulver kaufen, bei Bekannten nachfragen, ob sie ihr altes Laufställchen entbehren könnten und mit der Ziege vorsichtshalber mal zum Tierarzt fahren.
„Seht zu, dass ihr alle pünktlich wieder zurück seid!“ rief die Chefin ihren davoneilenden Mitarbeiterinnen hinterher und murmelte ärgerlich in sich hinein: „Ich verstehe nicht, warum alle Tiere immer bei mir landen! Katzen, Hunde, Schildkröten, Hühner und jetzt auch noch ´ne Ziege! Wenn die an meine Zierpflanzen geht, dann …“
Der Rest ging im Gequietsche der rostigen Schubkarre unter, mit der sie den Hof von Pferdeäpfeln befreite. Es war irgendetwas mit „Barbecue“.
Bis auf einen leicht lädierten Nackenmuskel, in den die Mutter unablässig hineingebissen hatte, um das Junge von der Stelle zu bewegen, und fortgeschrittener Dehydrierung war das Zicklein kerngesund. Es bekam sein neues Zuhause in einem mit Stroh ausgelegten Laufställchen, das zwischen die hinteren Pferdeständer platziert wurde. Dort wohnte es nahe bei den Renter- und Privatpferden und wurde ab und zu von neugierigen Rancho-Katzen und mutigen, wilden Hühnern besucht. Alle paar Stunden bekam es ein Milchfläschchen und nachts wurde der Laufstall vorsichtshalber abgedeckt. Das Zicklein war zwar noch klein und schwach, aber es war immerhin eine Ziege und wer konnte schon voraussagen, wann es seine Sprunggelenke entdeckte und entschied sie zu benutzen.
Berittführerin Nicki hatte die Rolle der „Mutterziege“ übernommen. Alle paar Stunden gab sie dem Zicklein ein Fläschchen, das es gierig leernuckelte und so dauerte es nicht lange, bis das Ziegenkind seinerseits Nicki adoptierte und sie als seine neue Mama ansah. Tagsüber, durfte die Kleine frei auf dem Rancho herumlaufen. Die Pferde schnupperten neugierig an dem neuen Mitbewohner und erlaubten ihm großzügig in ihren Ställen herumzutoben, solange es von ihren Trögen wegblieb. Aber sobald das Zicklein sah, wie Nicki in der Futterkammer verschwand, kam sie ihr meckernd hinterhergelaufen. Könnte ja sein, dass sie jetzt wieder ein Fläschchen fertig machte.
Die Kinder, die jede freie Minute in den Stall kamen, um sich um ihre Pflegepferde zu kümmern, waren ganz begeistert von dem neuen Rancho-Bewohner.
„Ist sie nicht süß?“
„Oh, schau mal, sie leckt meine Hand ab!“
„Fühl mal, ihr wachsen schon Hörnchen!“
„Wie heißt sie denn überhaupt?“
„Valentina!“ erklärte die Chefin, die gerade mit einer Hand voll Stricke um die Ecke kam und sie unter den Kindern verteilte. „Weil sie am Valentinstag gefunden wurde. Jetzt lasst mal die Ziege in Ruhe und schnappt euch jeder ein Pferd. Der Otto macht schon die ganze Zeit Randale in seinem Ständer. Hört das eigentlich keiner? Das heißt, er will was trinken. Also an die Bar mit ihm. Dann bringt ihr die Ponys und den alten Opi in den großen Korral und lasst sie ´ne Weile spielen! Hopp! Hopp!“‘
Die Kinder sprangen auf und stoben in alle Richtungen davon. Dabei riefen sie alle durcheinander:
„Ich nehm das Mäuschen!“
„Und ich den Leon!“
„Nein! Den wollte ich nehmen!“
„Zu spät! Ich hab´s zuerst gesagt!“
Während die Kinder mit jugendlicher Begeisterung die Aufträge ausführten, beäugte die Chefin misstrauisch das junge Zicklein, das gerade interessiert an einem der liebevoll gepflegten Hibiskusbüsche schnupperte.
Die Wochen vergingen und Valentina wurde jeden Tag kräftiger und selbstbewußter. Bald hüpfte sie ohne Schwierigkeiten auf allen Bänken und Tischen herum. Sie balancierte am Wannenrand der Pferdetränke, ohne das Gleichgewicht zu verlieren und nahm jede Gelegenheit war, ihr Köpfchen gegen jedes Bein zu drücken, dass zufällig ihren Weg kreuzte. Irgendwann war auch der Deckel mit dem nachts ihr Laufställchen abgedeckt wurde kein Hindernis mehr für sie. Eines Morgens stellte Margot, die meistens als erste da war, erschrocken fest, dass der Deckel weggedrückt und das Laufställchen leer war. Aufgeregt und mit wild pochendem Herzen lief sie übers ganze Rancho, guckte in jeden Stall und rief laut nach Valentina; aber die machte keinen Muckser. Es war ja noch nicht Essenszeit und erst als Nicki kam und nach ihr rief kam sie an gehüpft. Sie hatte sich in der Nacht einsam gefühlt und war ausgebrochen um es sich bei den Ponys im Stroh gemütlich zu machen.
„Du lieber Himmel“, murmelte Margot, „Ich darf gar nicht daran denken, was da alles hätte passieren können! Stell dir vor, sie wäre über die Straße gelaufen! Die fahren doch hier immer alle wie die Bescheurten…“
„Meine Pflanzen!!“
Nicki und Margot tauschten wissende Blicke:
„Oh-oh!“
Die Chefin stand vor den traurigen Resten ihrer mit sehr viel Hingabe gepflegten Blumenrabatten im Eingangsbereich. Fast alle waren bis auf die nackten Stängel abgerupft.
„Ich fürchte, damit hat sich deine Ziege ins Aus geschossen“, flüsterte Margot Nicki zu und verschwand eilig hinter dem großen Strohballen um die leeren Netze voll zu stopfen und dem drohenden Donnerwetter zu entgehen.
„Ach, jetzt ist es plötzlich meine Ziege? murmelte Nicki und streifte sich schon mal mental den Talar über, um das Ziegenkind vor der erbosten Chefin zu verteidigen.
Nachdem beim Misten die erste Wut verraucht war und man später beim Frühstück zusammen saß, wurde über das weitere Schicksal von Valentina beraten. Denn um weiter im Rancho zu wohnen war sie schon zu groß und man konnte sie während der Arbeit und wenn Gäste kamen ja nicht ständig im Auge behalten. So wurde ein bißchen herum telefoniert und dank Nickis guter Kontakte wurde noch vor dem ersten Ausritt ein Finka – Besitzer gefunden, der sich über eine Ziege auf seinem Grundstück freuen würde. Schon am nächsten Tag hatte Valentina ein schönes, neues Zuhause. Auf der Finka hatte sie viel Platz zum Herumtoben und Klettern und zwei neue Freunde bekam sie auch: ein kleines Pony mit dem sie sich das Gras und den Leckstein teilen durfte und das genau so schwarz war wie sie und Morton, den alten Schäferhund, der den ganzen Tag vor dem Tor lauerte und jeden anbellte, der vorbei kam. Bis auf Valentina; aus irgendeinem Grund konnte er das vorwitzige, streng riechende Geschöpf gut leiden und an regnerischen Tagen teilten sich die beiden sogar einträchtig seine sonst so leidenschaftlich verteidigte Hundehütte.

Mein erster Pointer

Über Hunderassen und darüber, wie Menschen auf einen reagieren, führst du eine bestimmte Sorte Hund an deiner Seite, habe ich mir lange keine großen Gedanken mehr gemacht. Bis zu dem Tag, als ich als bekennender Katzenmensch, wie die Jungfrau zum Kinde, zu einem ausgewachsenen, 3 Jahre alten Pointer-Mischling kam.
Ich mag Hunde. Aber ich wollte nie einen eigenen haben. Als ich noch ein Kind war, hatte unsere Familie eine bis ins Mark gutmütige und alles an Kleintiere adoptierende Schäferhündin.
Ich habe sie sehr geliebt aber ich erinnere mich auch noch daran, wie lästig ich es immer fand, mit ihr Gassi gehen zu müssen; und wie man immer von Besitzern kleiner „unter-dem-Arm-herum-schlepp-Fiffis“ im praktischen Handtaschenformat, die mehr Accessoire sind, als ein echter Hund, angegiftet wird, wenn man seinen, großen, dunklen, „bösen“ Schäferhund von der Leine lässt, damit er sich auch mal auf der Hundewiese auspowern kann. So ein großer Hund braucht „Wartung“. Man kann nicht einfach ein Hundebaby adoptieren, es mit Futter vollstopfen und es dann sich selbst überlassen. Ein Hund braucht Führung, man muß ihn erziehen, er braucht strenge Regeln und am besten noch eine Aufgabe, einen Job.
Da ich das alles weiß und ich mich ja auch selber kenne, weiß ich, ein Hund kommt für mich nicht in Frage. Ich müsste mein Leben zu sehr umstrukturieren. Denn wenn ich ein Tier bei mir aufnehme, egal was für eines, dann will ich es auch möglichst artgerecht halten. Und für einen großen Hund, denn es müßte schon ein „richtiger“ Hund sein, fehlt mir schlicht die Zeit, ihm jeden Tag die dringend benötigte Bewegung zu verschaffen und ihn so zu erziehen, daß er hört, wenn man ihn ruft, so daß andere Leute keine Angst haben müssen, wenn ein großer Hund mit wehenden Ohren und schlabbernden Lefzen auf sie zu gerannt kommt. Zu rufen: „Er will nur spielen!“ nützt da wenig. (Auch wenn es stimmt.)
So waren meine alte Katze Lisa und ich doch recht zwiegespalten, als eines Tages ein großer, schwarz-weißer Pointer bei uns einzog.
Doch der Reihe nach:

Eigentlich wollten wir uns nur ein gebrauchtes Auto kaufen. Nach der Besichtigung des Fahrzeugs war man sich schnell einig und nachdem man mit dem Verkäufer ins Gespräch gekommen war, stellte sich heraus, daß er im Begriff war umzuziehen. Er wollte (von Mallorca aus) nach Thailand auswandern und musste den Wagen noch in der laufenden Woche loswerden. Das Auto war allerdings nicht das Einzige, was er noch auf die Schnelle loswerden wollte: Als er uns in sein Wohnzimmer bat, um den Kaufvertrag zu unterschreiben, fragte er ganz beiläufig, ob wir nicht jemanden kennen würden, der seinen Hund und das junge Kätzchen, die er beide erst vor Kurzem aus dem Tierheim, bzw. aus der Tötungsstation gerettet hatte, übernehmen würde. Ich war zwar ganz angetan davon, wie der junge, weiße Kater mit dem ausgewachsenen Hund schmuste und spielte, aber das kam ja mal gar nicht in Frage! Keinen Hund!! Und so eine junge, dynamische Karate-Katze wollte ich meiner vierzehn Jahre alten Lisa auf ihre alten Tage auch nicht mehr zumuten. Also: Nein! Dankend abgelehnt. Trotzdem ließ mich die Frage, was denn nun aus den beiden Tieren, die so gute Kumpels waren, werden sollte, nicht los. Wer würde Hund und Katze adoptieren? Höchstwahrscheinlich würde man sie trennen – wie schrecklich!
Ja, schrecklich, aber eigentlich nicht mein Problem. Trotzdem sagte ich einer Freundin bescheid, die sich im Tierschutz und der Tiervermittlung engagiert, daß da ein Herrchen auf der Flucht und im Begriff war, seine Tiere zurück ins Tierheim zu bringen. Die Empörung über den Flüchtling, der seine Tiere einfach zurück ließ war von allen Seiten riesengroß, trotzdem schrie niemand „Hier!“ als nach einer neuen Bleibe für die beiden gesucht wurde.
So waren am Ende wir es, die in dem neu erworbenen Auto mit der Freundin zu der Wohnung fuhren, um die beiden Tiere abzuholen. Ich bin zwar mitgefahren, trotzdem wollte ich mich so weit wie möglich aus allem raushalten. Ich blieb im Auto sitzen und war schwer damit beschäftigt, mein Herz in Stein zu verwandeln, während mein Mann mit der Freundin die Tiere aus der Wohnung holte. Ich würde stark bleiben, ich würde nicht wanken! Schwerstens mit meiner mentalen Versteinerungsmeditation beschäftigt, ahnte ich nicht, dass es schon längst zu spät war.
Die Klappe ging auf, der Hund sprang bereitwillig in den Kofferraum, schließlich kannte er den Wagen ja und der kreischende Kater im Katzenkorb wurde mir auf den Schoß bugsiert. Ich sah meinem Mann ins Gesicht und wußte, was den Kater anging, war er schon längst weich geworden.
„Damit die Lisa nicht mehr so alleine ist… Was meinst du?“
-Stöhn! –
Du wolltest doch schon immer eine weiße Katze haben…“
-Doppelstöhn!-
So war es also alsbald beschlossen: der kleine „Kravallo“ zog bei uns ein und wurde Lisas neuer Spielgefährte. Nur dass die schon längst dem Spielalter entwachsen war und außerdem Null Bock auf Kindererziehung hatte.
Während sich der junge Kater in seinem neuen Zuhause eingewöhnte und sich unermüdlich von seiner neuen Mitbewohnerin den täglichen Nasenstüber abholte, wurde der arme, ungewollte Theo schnurstracks zum Tierarzt verfrachtet, um ihn kastrieren zu lassen.
Warum es zum Standard gehört jedes wunderbare Tier, das dem „Tierschutz“ in die Hände fällt, als allererstes unfruchtbar zu machen, ist mir bis heute ein Rätsel.
Nach dem Eingriff hatte sich noch immer niemand gefunden, der dem großen Pointer ein Zuhause geben wollte und so wurde er auf einer unbewohnten Finca zwischengelagert. Jetzt hatte die Freundin aber nicht jeden Tag Zeit, zur Finca zu fahren, den Hund zu füttern, Wasser aufzufüllen und ihm seine Tabletten in den Hals zu drücken, die er nach der Kastration noch mehrere Tage nehmen sollte; und so wurde mein Mann teils gebeten, teils genötigt nach dem Hund zu sehen, denn schließlich waren wir es ja gewesen, die unbedingt ein Auto kaufen mussten und dabei die Tiere entdeckt hatten!
So fuhr er also pflichtbewusst jeden Tag zu der einsam gelegenen Finca und wurde jedes Mal am Tor noch leicht zurückhaltend aber freudig begrüßt. Nachdem die Tabletten verabreicht und die Näpfe aufgefüllt waren, setzte er sich immer noch eine Weile zu dem alleingelassenen Geschöpf und leistete ihm Gesellschaft. Mit der Zeit wurde er immer zutraulicher und fing an zu heulen, sobald er merkte, dass er wieder allein gelassen werden sollte. Und so kam es wie es kommen musste:
„Hat doch keinen Zweck, dass ich jeden Tag da raus fahre, mir die Stoßdämpfer ruiniere und Sprit vergeude!“ verkündete mein Mann eines Nachmittages, als er mit dem Hund an seiner Seite in unserem kleinen Wohnzimmer stand.
Lisa lag auf unserem Bettsofa und behielt den grobmotorigen Neuankömmling fest im Blick. Das alte Mädchen hatte keine Angst vor dem Hund, der sofort anfing sie zu beschnuppern. Ein paar gezielt gesetzte Krallen belehrten ihn sogleich, wer in diesem Rudel die Chefin war. Der kleine Kravallo erkannte seinen alten Kumpel direkt wieder und besprang begeistert Theo´s Hinterläufe um daran herum zu nagen.
Nachdem er unsere kleine Wohnung gründlich inspiziert und im Vorbeigehen mal eben die Katzennäpfe leergeleckt hatte, rollte er sich zufrieden auf unserem mit Katzenhaaren dekorierten Wohnzimmerteppich zusammen, um ihn nun seinerseits mit schwarzen und weißen Borsten zu verzieren.

Von nun an wurde es anstrengend. Nicht nur, dass man jetzt jeden Tag eine Stunde früher aufstehen musste, um mit dem Hund Gassi zu gehen; der drei Jahre alte Pointer hatte bereits eine Vorgeschichte, die sich deutlich in seinem Verhalten zeigte und wir waren schon seine dritten Besitzer. Wir wußten nichts Genaues, außer dass sein letztes Herrchen ihn aus der Tötungsstation geholt hatte. Seine Krallen waren viel zu lang, woraus wir schlossen, dass er die letzten Monate las „Balkonhund“ verbracht hatte; und so richtig Vertrauen hatte er wohl auch noch nicht zu uns gefasst, oder er war schlichtweg nicht erzogen, denn er hört ums Verrecken nicht auf seinen Namen! Er wußte zwar, wie er hieß, aber er kam nie, wenn man ihn rief. Besonders nicht draußen, wo ständig tausend neue Eindrücke auf ihn einprasselten. Er muss den Großteil seines Lebens in geschlossenen Räumen verbracht haben und ziemlich viel vernachlässigt worden sein, denn er kannte nicht ein Kommando! An der Leine zu gehen kannte er zwar und wir stellten überrascht fest, dass er grottenbrav zu unseren Füßen liegen blieb, wenn man sich mit ihm in ein Café setzte, aber spätestens nach dem ersten Freilauf am Strand und auf unserem Lieblingswanderweg war es dann aus mit brav an der Leine laufen. Er zog und zerrte und wollte alle Gerüche auf einmal erschnuppern. Nachdem er einmal von der Freiheit gekostet hatte, war es auch aus mit brav an der Leine liegen und warten. Mindestens drei Stricke und Leinen biß er mit einem Haps durch um sich zu befreien, bis wir ihm einen mehrfach geflochtenen Nylon-Pferdestrick besorgten, den er nicht mehr so leicht durch kauen konnte.
Nachdem ich beim Gassi gehen regelmäßig tausend Tode gestorben war, weil er sich sogar aus seinem Halsband herauswand und wegrannte und ich ständig von erbosten Fiffi-Besitzern beschimpft wurde, weil mein Hund jedes Mal begeistert auf Artgenossen zu rannte, um sie zum Spielen aufzufordern, setzte ich mich an den Rechner, um mich im Netz mal schlau zu machen:
Was, um Himmels Willen, ist denn überhaupt ein Pointer?! Ich hatte vorher noch nie von dieser Rasse gehört und verschlang sämtliche Infos und Rassebeschreibungen über Pointer, die ich finden konnte. Als Pointer, bzw. 80% Pointer und vielleicht 20% Labrador, oder Ähnliches klassifiziert, hatte ihn meine Tierschutz-Freundin. Sonst hätte ich gar nicht gewußt, wonach ich suchen sollte. Er war halt ein hübscher, schwarz-weißer Hund, mit schwarzen Punkten auf seinem weißen Kragen. Das Erste, was ich lernte war, dass der Begriff „Pointer“ nicht von den lustigen Punkten auf seiner Brust abgeleitet wird, sondern von dem englischen Begriff „to point“ – anzeigen. Der Pointer ist ein Jagdhund, der dem Jäger anzeigt, wo die Beute liegen geblieben ist, die er abgeschossen hat. Er jagt nicht selbst, dafür gibt es wieder andere spezialisierte Hunde. Der Pointer hat einen ausgezeichneten Geruchssinn und findet vorzugsweise tote „Sachen“, wie wir auf unseren ausgedehnten Wanderungen sehr bald feststellten. Voller Stolz schleppte er steife Katzen, mumifizierte Vögel und skelettierte Mäuse an, um sie uns demütig zu Füßen zu legen. Da dieses Darreichen solcher Geschenke zu seinem natürlichen bzw. an gezüchteten Verhalten gehört, wurde er natürlich jedes Mal ausgiebig dafür gelobt, während man gleichzeitig versuchte, das optisch wenig ansprechende und teils streng riechende Geschenk unauffällig wieder im nächsten Gebüsch verschwinden zu lassen.
Obwohl wir uns alle Mühe gaben, zu regelmäßigen Zeiten ausgiebig mit ihm Gassi zu gehen, verteilte er trotzdem über Nacht oder immer dann, wenn er alleine zu Hause war, übel riechende und erstaunlich voluminöse Tretminen in der Wohnung … vorzugsweise auf irgendeinem Teppich!!! Das tat er auch, wenn ihm irgendwas nicht passte. Jetzt stellte sich die Frage, wie bestraft man so ein Verhalten? Pointer sind hochsensible Geschöpfe. Man darf sie auf keinen Fall schlagen. Sobald man auch nur andeutungsweise die Hand in Theo´s Richtung erhob, lief er weg, drehte sich in sicherer Entfernung zu einem herum und bedachte einen mit einer perfektionierten Version des „Geprügelter-Hund-Ausdrucks“ in den traurigen, braunen Augen. Wie kriegt man jetzt einen drei Jahre alten, traumatisierten Hund dazu, die (im wahrsten Sinne des Wortes) Scheiße sein zu lassen?! Die Antwort heißt: mit Geduld und ganz viel Liebe. Pointer gehorchen nur dem Menschen, den sie lieb haben und an uns musste er sich ja erst noch gewöhnen. Also blieb uns erst mal nicht viel anderes übrig, als geduldig auf allen Vieren unter schimpfen und knödeln den Brechreiz zu unterdrücken, die stinkenden Huppen aus dem Teppich zu kratzen und währenddessen trotzdem zu versuchen, den dusseligen Köter lieb zu haben.
Wir versuchten, trotz unregelmäßiger Arbeitszeiten ihn zwei- bis dreimal am Tag auszuführen, wobei wir darauf achteten, daß er vor dem Schlafengehen sich auch wirklich ausgiebig entleerte, damit er möglichst lange nichts mehr auf der Pfanne hatte, womit er wieder den Teppich dekorieren konnte.
Einer von uns hatte den Hund immer dabei. Wenn ich arbeiten musste, war mein Mann mit Theo unterwegs, damit er nur im äußersten Notfall, wenn es nicht anders ging allein zu Hause blieb. Der Alltag musste umgestrickt werden, da so ein Pointer ein „Laufhund“ ist und mindestens einmal am Tag so richtig ausgiebig rennen will. Wir sind keine Jogger, mehr die Wanderer. Wobei Joggen unserem Theo eh zu langsam gewesen wäre. Sehr bald konnten wir beobachten, wie durch die viele Bewegung seine Muskeln stärker und ausgeprägter wurden und er an Schnelligkeit bald jedem Windhund Konkurrenz machte. Er blieb zwar meistens in Sichtweite, trotzdem war ich ständig angespannt, wenn ich mit Theo unter Leute kam. Nicht jeder findet es gut, von einem großen, dunklen Hund beschnuppert oder sogar, wenn auch freundlich, angesprungen zu werden, auch wenn er noch so harmlos ist.
Manche Leute sind nicht gut zu Fuß und ich hatte jedes Mal Angst, dass er jemanden umschmeißt oder zu wild mit dem nächsten pelzigen „Accessoire“ spielt und es unter sich begräbt, sollte es nicht vorzeitig von Frauchen an der Glitzerleine hochgerissen worden sein, wodurch es ja nur noch mehr wie ein Spielzeug aussieht…
Irgendwann machten es meine Nerven nicht mehr mit, ständig genervten Hundehassern zu begegnen. Wir arbeiteten ja fleißig mit unserem Theo, aber so ein Training fruchtete nun mal nicht von heute auf morgen. Schließlich war er ja schon drei Jahre alt. Zum Glück genoss Theo es, dass man sich mit ihm beschäftigte und er lernte auch sehr schnell. Wir beschränkten uns auf wenige kurze Befehle wie: „Hier!“, „Sitz!“, „Aus!“ oder „Fuß!“ Ich musste meine Neigung unterdrücken, ständig mit dem Hund zu diskutieren, wenn er wieder mal nicht sofort gehorchte, weil es in dreihundert Metern in irgendeinem Gebüsch so super toll duftete, dass er jetzt sofort da hin rennen musste. Mein Mann erwischte mich ganz oft mitten in langen Gesprächen mit dem Hund, die sich ungefähr so anhörten:
„Theo! Du sollst sofort kommen, wenn ich rufe! Wieso muss ich immer dreimal brüllen, bis du dich zu mir bequemst?! Wir haben doch darüber gesprochen! Du Hund, ich Mensch, du musst gehorchen, verdammt noch mal! Was sollen denn die Leute denken, wenn ich mit der Leine in der Hand wild wedelnd hinter dir her renne?! Die schütteln dann alle den Kopf, machen sich lustig und erzählen überall, ich hätte meinen Hund nicht im Griff!!! … Hab ich auch nicht! Also lass mich nicht ständig so scheiße aussehen!“ Dann nach einem langen Blick aus treuen, braunen Hundeaugen und einem lieb gemeinten Anrempler gegen die Kniekehle: „Jaaa, du bist ein gaaanz Toller. Ich hab dich auch lieb.“
Damit der Hund ausreichend Bewegung bekam, ohne ihn dabei ständig zurückrufen zu müssen, weil wieder ein Mensch des Weges kam, suchten wir uns weiter weg abgelegenere, und schwierigere Wanderwege bei denen man davon ausgehen konnte, keinen Rentnern mit Nordic-Walking-Stöckchen zu begegnen, die gerne mal ihre „Gehhilfe“ gegen den Hund als Waffe einsetzten. So konnten wir ungestört daher wandern und der Hund zog begeistert seine Kreise um uns. Wenn wir hundert Meter gelaufen waren, hatte Theo bereits vierhundert Meter im Kreis um uns zurückgelegt. Er sprang wie eine Bergziege begeistert die steilsten Felsen rauf und runter und stöberte durch die Büsche. Es gab für mich kaum etwas Schöneres, als durch die Natur zu streifen, die Gegend und ihre Farben zu genießen und dabei zuzusehen, wie mein Hund Spaß hat. Und dass er glücklich war, wenn er rennen und die Gegend erkunden durfte, war deutlich zu sehen. Nur leider funktionierten seine Sinne irgendwie nicht simultan. Wenn die Nase eingeschaltete war, funktionierte das Gehör nicht mehr. Soll heißen, wenn er irgendeiner Witterung auf der Spur war, konnte man sich nach ihm die Lunge aus dem Hals brüllen, er kam einfach nicht. Die totale Ignoranz, bis er gefunden hatte, was er verfolgt hatte. Das war es, was mich so fertig machte. Ich musste ständig auf der Hut sein um vor ihm andere Menschen oder Tiere zu erspähen, um ihn rechtzeitig an die Leine nehmen zu können, bevor er wieder davon sprintete. Dabei wollte er ja nur neue Leute kennen lernen.
Jetzt fragt sich vielleicht der ein oder andere, warum ich ihn überhaupt erst von der Leine lasse. Und warum ich nicht mit ihm Fahrrad fahre, wenn er unbedingt rennen muss. Wäre ja auch eine Möglichkeit. Wir wohnen nun einmal in einer Gegend (Mallorca) in der es sehr gefährlich ist, sich auf ein Rad zu setzen. Es gibt hier keine Radwege und die Straßen sind manchmal sehr eng und saugefährlich. Ich würde mich auch ohne Hund, der noch nicht trainiert ist und nur gehorcht, wenn er will, niemals auf ein Rad setzen. Ich sehe schon vor mir, wie er sich in der Leine verfängt, ich den Lenker verdrehe und es mich vom Rad katapultiert. Und das in einer Gegend, wo es sogar schon vorgekommen ist, dass man von einer Polizeistreife über den Haufen gefahren wird. Nein, Danke.
Da stand ich nun – ich, die nie einen eigenen Hund wollte, aus den Anfangs erwähnten Gründen und versuchte jetzt, einem Jagdhund gerecht zu werden. Das Problem bei diese Rasse ist, wenn du gerade drei Stunden mit ihm draußen warst und er ununterbrochen gerannt, gesprintet und gelaufen ist, schreit er danach immer noch nach mehr. Nach drei Stunden hat er sich gerade mal warm gelaufen. Pointer sind sehr schöne und sensible Hunde. Sie haben viele Vorteile, die ich bei einem Hund sehr schätze: sie sabbern zum Beispiel nicht. Ihre Lefzen sind immer trocken. Sie schlabbern dich nicht ab. Ihre Nase ist so gut, dass sie es nicht nötig haben, deinen Duft mit der Zunge aufzunehmen. Ihr Fell ist kurz und sehr glänzend. Wenn man sich die Mühe macht und sie regelmäßig bürstet, haaren sie auch kaum. Sie sind sozusagen „selbstreinigend“ Man kann gerade mit ihnen im schlimmsten Schmodder gespielt haben, einmal geschüttelt und zurück im Auto oder zu Hause muss man sie kaum abklopfen. Sie sind von Natur aus sehr gesund und robust. Sie werden so gut wie nie krank und scheiden sogar Plastik und andere Kunststoffe am Stück wieder aus, ohne sich eine Verstopfung oder Darmverschlingung oder Ähnliches zu holen, wenn sie mal wieder einen deiner unvorsichtigerweise liegengelassenen Lieblingsschuhe angekaut haben. Wenn der Pointer einmal beschlossen hat, dass du jetzt sein Mensch bist, dann musst du auch rund um die Uhr für ihn da sein. Tust du es nicht, sucht er sich eine andere Beschäftigung. Kauknochen und dargereichtes Hundespielzeug wird links liegen gelassen und er macht sich auf die Suche nach Dingen, denen sonst deine Aufmerksamkeit gilt: Werkzeug, Kleidung, Wäsche, Computerteile, Papier, nahezu alles, an das er rankommt, wird gnadenlos zerkaut. Und so ein Pointer kann sich ganz schön lang machen.
Wenn man sich also bewußt, so einen Hund zulegen möchte, sollten die Lebensumstände passen. Er ist kein Wohnungshund. Man muss den Hund immer dabei haben können, ohne dass es kompliziert wird. Am besten hat man eine Tätigkeit, die draußen stattfindet. Man könnte ihn an Pferde gewöhnen und ihn mit zum Ausreiten nehmen, wenn er vorher alle Kommandos beherrscht und nicht kopflos über gefährliche Straßen rennt. Er wäre ein hervorragender Begleiter für Förster oder andere Waldarbeiter. Wenn man selbständig ist und seine Arbeitszeit selbst einteilen kann, ist es auch kein Problem dem Hund Genüge zu tun. Es ist halt manchmal ein langer und steiniger Weg, aber wenn man ihn hinter sich gebracht hat, belohnt dich dieser Hund mit lebenslanger Treue, Freundschaft und bedingungsloser Zuneigung. Er wird dein bester Kumpel und Beschützer und auf keinen anderen Hund passt das altbekannte Sprichwort besser als auf ihn:
„Der Hund ist dir im Sturme treu – der Mensch nicht mal im Winde.“

Wilde Katzen auf Mallorca

Auf Mallorca lebt eine gigantische Population wilder und halbwilder Katzen. Und was für schöne Exemplare darunter sind! Beinahe jede Farbe und Rasse ist hier vertreten. Man begegnet ihnen quasi überall: an Häfen, auf Hinterhöfen, in Gärten, auf den Straßen und Gässchen der Ortschaften, an Promenaden, in Wohngebieten und natürlich immer in der Nähe von Bars, Cafés und Restaurants. An manchen Stellen haben sie sich zu großen Rudeln zusammen geschlossen. Wenn man so einen Ort entdeckt hat, kann man viel Spaß beim Beobachten der lässigen Freilauftiger haben. Manche lassen sich sogar anlocken und erlauben dem begeisterten Katzenfan großmütig sie ein bißchen zu streicheln.
Verweilt man am richtigen Ort zur richtigen Zeit ein bißchen länger, erkennt man auch den Grund, warum sich ganze Katzenfamilien an bestimmten Orten regelrecht zusammen rotten: Sie werden gefüttert. In fast jedem Ort gibt es mindestens eine „Katzen-Frau“ oder „-Omi“, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die armen, leidenden Kreaturen mit Futter zu versorgen. Auf den ersten Blick eine noble Geste. Denkt man allerdings ein Weilchen darüber nach, kommen die meisten Leute ganz von selbst darauf: Das regelmässige Füttern wilder Katzen hat langfristig gesehen, weder etwas mit Tier- noch mit Artenschutz zu tun. Und jede Aktion hat auch hier eine Reaktion zur Folge. In diesem Fall sogar mehrere:
Die Katze ist ein grimmiger und erfolgreicher Jäger. Sie frißt nicht nur Mäuse und Ratten, sondern ist auch äußerst erfolgreich in der Dezimierung der ständig nachwachsenden Population von Kakerlaken, Tausendfüßlern, Heuschrecken und anderem Getier, das der Mensch weder in seinem Garten noch in seinem Haus haben möchte. Eine freigeborene Katze ist sehr selbständig und kann sich auch selbst versorgen. Hat sie Hunger, geht sie jagen. Manche Katzen spezialisieren sich sogar auf ihre Lieblingsbeute und diese Fertigkeiten bringt das Muttertier dann ihren Jungen bei. Ist eine Katze bei der Jagd nicht erfolgreich, oder anders ausgedrückt, ist sie zu schwach um zu jagen und zu töten, wird sie verhungern. So überleben nur die geschickten Jäger. Das ist der Lauf der Natur. Man nennt das auch „natürliche Auslese“.
Mischt sich jetzt der Mensch in diesen Kreislauf ein und beginnt aus falsch verstandener Tierliebe die Katzen fett und faul zu füttern, bringt er damit, wie so oft, das empfindliche Gleichgewicht völlig durcheinander. Die Katzen jagen nicht mehr, weil sie das Futter ja kredenzt bekommen. Infolge dessen vermehren sich Schädlinge und Ungeziefer wieder ungestört und auch die Katzen haben jetzt mehr Zeit und, bedingt durch die Rudelbildung, viel mehr Gelegenheit untereinander zu kopulieren und sich unkontrolliert zu reproduzieren. Die Jungen der gefütterten Wildkatzen lernen von ihren Eltern nicht mehr zu jagen und sind nun auf die pünktliche und tägliche Fütterung angewiesen. Nun haben wir also ein Übermaß an Ungeziefer, das man jetzt wieder chemisch bekämpfen muss und viel zu viele faule Katzen, die gerne Mülltüten aufreißen, kleine Hunde beißen und die liebevoll gepflegten Obst- und Gemüsegärten entweihen, indem sie sie als Toilette benutzen. Ab jetzt ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis der Mensch erneut eingreift. Das kann auf zwei Arten passieren:
Entweder ziehen Angestellte der jeweiligen Ortschaft oder private „Tierschutzorganisationen“ los und versuchen in groß und umständlich angelegten Einfangaktionen der jagdfaulen aber trotzdem flinken Streuner habhaft zu werden, um sie zu kastrieren oder die genervten Anwohner nehmen die Sache selbst in die Hand und legen Köder mit Rattengift aus! Weder das eine noch das andere ist eine gute Lösung. Der Mensch in seinem Übereifer und Streben nach Perfektion und Kontrolle selbst über die Natur hat, wenn er so weiter macht, bald alle Katzen erwischt, sie unfruchtbar gemacht und so mal wieder zum Aussterben einer wunderschönen und intelligenten Tiergattung beigetragen. Auf einer Insel ist so etwas besonders einfach. Die Einzigen, die sich über so etwas freuen dürften, sind deren Beutetiere. Mäuse, Kakerlaken und Co. lachen sich ins Fäustchen und erobern nun ungestört unseren Lebensraum zurück. Giftköder stattdessen auszulegen ist besonders verabscheuungswürdig! Wer schon einmal gesehen hat, wie sein geliebtes Tier an Rattengift oder ähnlichem elendiglich verreckt ist, wünscht diese Art von Tod nicht mal einer Ratte! Es ist kein schneller Tod. Die Tiere leiden fürchterlich, denn ihre Innereien verflüssigen sich unaufhaltsam. Sie bluten aus Nase, Ohren, Schnäuzchen und manchmal sogar aus den Augen! Wer zu solchen Mitteln greift gehört weggesperrt!!
Dabei ist die Lösung ganz einfach! Die im guten Glauben handelnden und leider oft sehr starrsinnigen Katzen-Frauen und –Omis müssten ganz einfach aufhören mit dem was sie tun. Wenn niemand mehr die herrenlosen Katzen füttert, wird die Natur das Zepter wieder in die Hand nehmen und langsam aber sicher kann sich alles wieder einpendeln und das Gleichgewicht wird wieder hergestellt. Warum bekommen denn die meisten kleineren Säugetiere oftmals mehr als ein Junges? Weil die Natur hart, unerbittlich und grausam ist und in ihr nun mal nur die Stärksten überleben. Die Schwachen oder die, mit dem wenigsten Durchsetzungsvermögen, das fängt schon beim Kampf um die ergiebigste von Mutters Zitzen an, bleiben auf der Strecke. Das garantiert den Erfolg einer jeden Spezies, weil nur die Starken, Ausdauernden und Gewitzten sich weiter vermehren dürfen. Ich weiß, in der Theorie klingt sowas immer ganz einleuchtend und auch mir als Katzenverehrer blutet immer das Herz, wenn ich in einem Gebüsch ein junges Kätzchen liegen sehe, das es nicht geschafft hat. Aber der Mensch mischt sich viel zu oft ein, ohne sich über die Folgen seines Handelns im Klaren zu sein oder auch nur mal für den Bruchteil einer Sekunde darüber nachgedacht zu haben! Ganz viele Beispiel dafür, ob es nun um Katzen, Hunde oder Pferde geht, kann zum Beispiel auch auf Mallorca beobachten. Es wird Zeit, dass ein Umdenken stattfindet.
Du liebst Tiere? Du möchtest eines „retten“? Dann entscheide dich für ein Tier oder so viele, wie du meinst ernähren und versorgen zu können. Aber bedenke: sobald du ein Lebewesen den Gesetzen der Natur entziehst, übernimmst du die Verantwortung dafür! Dieses Tier wird irgendwann anfangen, dich zu lieben und ohne dich nicht mehr leben zu können. Es ist dann für den Rest seines Lebens auf dich angewiesen und da können schon mal 15 Jahre und sogar noch mehr zusammen kommen. Es wird dein sauberes, aufgeräumtes Heim auf den Kopf stellen und manchmal ziemlich lästig und nerv tötend sein. Es wird die Tapeten von der Wand kratzen, Türzargen einen neuen Look verpassen, das Klo ausräumen oder einfach nur so aus Trotz in dein duftig-weiches Bett pinkeln. Es wird sich vielleicht verletzen oder krank werden und du wirst es aufgelöst und mit klopfendem Herzen unter Missachtung sämtlicher Verkehrsregeln zum Tierarzt fahren. Andere Menschen werden dich meiden, weil dein Tier in ihren Augen zu groß, zu schwarz oder zu gefährlich aussieht. Dein Leben wird sich komplett verändern und du wirst so manche Freiheit einbüßen…. Wenn du das alles auf dich nehmen und dein Tier trotzdem lieben kannst, hast du schon genug für den „Tierschutz“ getan. Und vergiß nicht, immer nur dein eigenes Tier zu füttern …

Die Qual der Wahl

Wenn es ums Wählen geht, steh ich immer auf dem Schlauch. Ich weiß nie, für welche Partei ich mich entscheiden soll. In meinen Augen sind deren Vertreter alles Schlips und Kostümchen tragende Laberbacken. Kaum an der Macht, vergessen alle ihre Versprechungen und bauen auch nicht weniger Mist als die Vorgänger, die man gerade zu ihren Gunsten abgewählt hat und ich bin es dann auch noch Schuld, weil ich mein Kreuzchen mal wieder an der falschen Stelle gemacht habe. Umso neugieriger bin ich, wenn neue Parteien gegründet werden. Vielleicht hatte da ja auch jemand die Schnauze voll und will es besser machen, vielleicht zur Abwechslung mal in meinem Sinne? Von negativer Publicity lass ich mich erst mal nicht abschrecken. Ist doch klar, dass die anderen nicht scharf auf noch mehr Konkurrenz sind, gegen die sie anstinken und anlügen müssen. Also her mit dem Parteiprogramm, damit man weiß, mit wem man es zu tun hat.
Nun ist in diesem speziellen Fall „her mit dem Parteiprogramm“ wohl leichter gesagt, als getan, denn da ist doch tatsächlich eine Partei an den Start gegangen, ohne ein solches vorweisen zu können. Das ruft dann doch schon das erste Stirnrunzeln hervor. Aber, najaaaa …. Die sind noch neu und vielleicht haben sie in der ganzen Aufregung und Euphorie einfach vergessen ihre Absichten zu Papier zu bringen. Ist doch löblich so viel Enthusiasmus…
Irgendwann gab es dann doch mal was zu lesen. Allerdings spricht man von einem „durchgesickerten“ Parteiprogramm, was die Stirnrunzeln wieder vertiefte. Aber egal, jetzt lasst gefälligst mal die Hosen runter, wie alle anderen auch, damit man endlich weiß, wie ihr so tickt.
Als ich mir die wenigen von der ARD herausgepickten Punkte zu Gemüte führte, fiel mir wieder ein, warum ich Politik so ätzend finde. Da gab es unter anderem Sachen zu lesen wie:
„Kohlendioxid ist kein Schadstoff, sondern ein unverzichtbarer Bestandteil allen Lebens“
„Je mehr es davon gibt, umso kräftiger fällt das Pflanzenwachstum aus.“ Eine Senkung der CO2-Emissionen schwäche dagegen den Wirtschaftsstandort.
Außerdem will die von mir an dieser Stelle nicht genannte Partei das Erneuerbare Energien-Gesetz abschaffen!
Der Ausstieg aus der Atomkraft sei „sachlich nicht begründet“ und „wirtschaftlich schädlich“. (Quelle: tagesschau.de)
Da klappt einem doch die Kinnlade runter! Klingt wie aus einem Mittelstufen-Aufsatz abgeschrieben!
Das geht ja mal gar nicht. Die Atomenergie ist die schlimmste Entdeckung, die die Menschheit je gemacht hat und sie ist immer noch nicht in der Lage, das Monster zu kontrollieren, das sie erschaffen hat. Bei jeder Gelegenheit, in der sich das Ungeheuer entfesselt, steht der Mensch hilflos daneben und guckt zu, wie alles verstrahlt und verseucht wird. Und dann haben diverse Menschen auch noch die Frechheit zu behaupten, Kernenergie wäre sauber!!!
Ja, bei Kohlekraftwerken sieht man den Dreck, der aus den Schornsteinen quillt, aber was ist mit den abgebrannten Brennstäben, die nach Gebrauch immer noch lustig vor sich hin strahlen und eine Halbwertszeit von ich-weiß-nicht-wie-viel tausend Jahren haben? Die werden hübsch verpackt, verbuddelt und versteckt. Wenn man den Dreck nicht sieht, ist er auch nicht da, oder wie? Der schleichende Tod ist unsichtbar und geruchlos. Er verändert unsere DNS und macht keinesfalls vor Ländergrenzen halt. Selbst wenn Deutschland irgendwann alle Meiler abgeschaltet hat, nebenan in Frankreich werden fröhlich Uralt-Werke wieder ans Netz genommen. Haarrisse in der Abschirmung? Wen juckt´s! Sieht doch keiner! Hauptsache der Rubel rollt. Und wenn uns dann beim nächsten Erdbeben an der deutsch-französischen Grenze das nächste Fukushima ereilt, können wir ja die Japaner fragen, wie die mit dem Problem klar gekommen sind.
Moment mal, ach ja! Gar nicht. Das verdammte Ding ist immer noch undicht und niemand scheint sich mehr dafür zu interessieren. Das verseuchte Meerwasser wird aber irgendwann auch bei uns ankommen und wird über Wind und Regen über den ganzen Erdball verteilt. Vielleicht werden die Verantwortlichen ja mal wach, wenn das Gemüse zurückbeißt und die Vegetarier frißt… doch ich schweife ab.
Für mein zu Beginn angesprochenes Problem habe ich immer noch keine Lösung. Wem geb ich als nächstes meine Stimme? Es ist nicht besonders hilfreich, wenn man weiß, wem man sie nicht, auf gar meinen Fall und unter gar keinen Umständen geben will. Aber irgendwo muss man doch sein Kreuzchen machen!! Ich für meinen Teil bin jedenfalls ratlos.
Wählen wir alle am Ende nur das kleinere Übel?

Zwangsneurose

Zur Zeit teile ich meinen Arbeitsplatz mit einer Kollegin, die eine grundlegend andere Vorstellung von Ordnung, Sauberkeit, Schnelligkeit und Effizienz hat, als ich. Der Unterschied ist so gravierend, dass ich mir selbst schon die Frage gestellt habe, ob ich nicht vielleicht unter einer Zwangsneurose leiden könnte. Kann ja sein, dass ich mit meinem Sinn für Ordnung und Symmetrie etwas übertreibe, denn meine Verbesserungsvorschläge werden von der Kollegin seit Monaten konsequent überhört.
Wir arbeiten zum Beispiel an einer kleinen Theke, an der einige Dinge ihren festen Platz haben, andere wiederum sind beweglich, werden oft in die Hand genommen und wieder weggelegt. Ich habe mir den Arbeitsplatz so organisiert, dass ich die Dinge, die ich öfter brauche, schnell zur Hand habe. Ein schneller Griff, benutzen und wieder weglegen. Mit der Zeit hat sich dieser Handgriff so routiniert, dass ich nicht mal mehr hingucken muss, weil meine Hand genau weiß, wo sie hin greifen muss. So bin ich schneller und kann effizienter arbeiten. Wenn ich mit strubbeligem Kopf besagte Gegenstände jedes Mal woanders hinlegen würde, wäre ich nur am Suchen, würde mich verzetteln und ohne Ende Zeit verschwenden. Von dem unprofessionellen Eindruck, den ich bei meinen Gästen hinterlassen würde, ganz zu schweigen.
Meine Kollegin macht sich über Dinge wie Effizienz keine Gedanken. Wenn ich sie ablöse, finde ich jedesmal einen vollkommen chaotischen und unordentlichen Arbeitsplatz vor. Von dem Schmutz, den sie ständig hinterlässt ganz zu schweigen. Manchmal kostet es mich geschlagene dreißig Minuten, ihr Chaos wieder zu ordnen und hinter ihr her zu Putzen. Dazu kommt der Ärger, der mich jedes Mal aufs Neue übermannt, wenn ich das Schlachtfeld betrachte, mit dem ich dann weiter arbeiten soll. Während ich dann Ordnung schaffe, stelle ich mir oft die Frage, was mich mehr ärgert: die Unordnung selber, oder dass es Menschen gibt, die so schlampig sind oder vielleicht ist es auch die Tatsache, dass besagte Menschen mit ihrer Sorglosigkeit mir ständig das Leben schwer machen, indem ich hinter ihnen aufräumen muss.
Wenn ich genug Zeit für mein Kopfkino gehabt und ich mich lange genug über die Unfähigkeit meiner Mitmenschen aufgeregt habe, neige ich irgendwann dazu, die Schuld bei mir selbst zu suchen. Vielleicht bin ich doch zu streng? Übertreibe ich vielleicht ein bißchen? Oder leide ich am Ende etwa an einer Zwangsneurose?! Oh, Mann! Das sollte ich vielleicht mal abklären … also ab ins Internet und schlau machen. Was ist jetzt genau eine Zwangsneurose?
Die Informationen im Netz sind mal wieder mannigfaltig und wenn man sich ganz doll Mühe gibt, findet man mit Sicherheit irgendein Symptom, dass eventuell auf einen zutreffen könnte. Ich hab hier mal ein paar Beispiele für eine Zwangsstörung herausgesucht:
Da gibt es zum Beispiel den Reinlichkeitszwang. Der Betreffende leidet unter dem Zwang, sich dauernd die Hände waschen zu müssen, oder die Wohnung auf Hochglanz zu wienern, jeden Tag die Fenster zu putzen oder das Bad und die Küche keimfrei zu halten.
Beim Kontrollzwang wird alle Nase lang die Herdplatte überprüft, ob man sie auch wirklich ausgestellt hat, oder das Türschloss, das man gerade abgeschlossen hat, wird mehrfach kontrolliert, ob es auch tatsächlich zu ist.
Dann gibt es da noch den Ordnungszwang. Das ist der Zwang, für Symmetrie oder perfekte Ordnung zu sorgen. Dabei werden zum Beispiel Bücher im Regal oder auch Lebensmittel nach ganz bestimmten Regeln, die der Betreffende sich natürlich selbst aufgestellt hat, sehr präzise angeordnet.
Der Berührzwang nötigt den Betroffenen dazu, zum Beispiel bei jedem Spaziergang, jeden Baum oder jede Straßenlaterne anzufassen.
Verbale Zwänge schließlich, veranlassen denjenigen dazu, bestimmte Ausdrücke, Sätze oder auch Melodien ständig zu wiederholen.
Nachdem ich mich nun sehr gründlich und sehr selbstkritisch überprüft habe, würde ich als erstes mal den Reinigungszwang für mich persönlich ausschließen. Ich halte meinen Arbeitsplatz zwar sehr sauber aber diese Pingeligkeit übertrage ich nicht in mein Privatleben. Bei mir zu Hause muss sich Besuch erst eine Woche vorher ankündigen, damit ich genug Zeit habe, meine Wohnung auf Vordermann zu bringen, bevor ich mich traue, jemanden herein zu lassen. Im Kontrollzwang finde ich mich auch nicht wieder. Wenn ich eine Tür abschließe, weiß ich, dass sie zu ist und gehe meiner Wege und wegen eventuell angelassener Herdplatten oder Bügeleisen bin ich auch noch nie panisch wieder nach Hause gerannt. So etwas Ähnliches wie einen Berührzwang verspüre ich in der Regel nur bei Katzen. Wenn mir eine Katze über den Weg läuft, muss sie unbedingt angelockt und durchgekrault werden. Aber wenn die Mietze nicht will und sich nicht anlocken lässt, ist es auch nicht schlimm. Für verbale Zwänge bin ich auch nicht der Typ, da ich eher ein schweigsamer Vertreter meiner Gattung bin. Bleibt nur noch der Ordnungszwang, bei dem man bestimmte Gegenstände gerne symmetrisch ausrichtet und alles an seinem richtigen Platz liegen muss. Das mache ich tatsächlich, allerdings auch nur auf der Arbeit und aus dem simplen Grund, dass es einem das Arbeiten erleichtert und mir hilft, mich schneller und effizienter zu bewegen. Zu Hause dagegen, bin ich öfter mal auf der Suche nach meinen Klamotten. Da habe ich mehrere Plätze, wo ich meine Sachen fallen lasse. Vielleicht sollte ich meine Pedanterie, die ich auf der Arbeit auslebe, etwas aufteilen und ein bißchen davon zu Hause praktizieren…
Also nach gründlicher Recherche und Anamnese kann ich für mich die Diagnose stellen, nicht an einer Zwangsstörung zu leiden. Aber was ist es dann, dass ich mich ständig über die Unfähigkeit und Schlampigkeit meiner Kollegin aufregen muss?!?
Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich einfach einen sehr hohen Anspruch habe, was Ordnung, Sauberkeit, Schnelligkeit und Effizienz am Arbeitsplatz betrifft und dass es für andere oft sehr schwer ist, meinen Ansprüchen genüge zu tun. Jetzt muss ich nur noch lernen, den Ärger abzustellen und mich stattdessen darüber zu freuen, dass ich in vielen Dingen schlicht und einfach besser, gründlicher oder verlässlicher bin als andere. Wenn ich jetzt noch lerne, diese Fähigkeit mit in mein Privatleben zu nehmen und endlich anfange meine Energie, die ich jeden Tag in den Job stecke, lieber mal umleite um sie in meine eigenen Projekte zu kanalisieren bin ich für die Zukunft dann doch auf einem guten Weg. Vielleicht schaffe ich es, mit diesem guten Vorsatz, endlich meine vielen angefangenen Buchprojekte zu beenden …. Man darf gespannt sein.

Ein schwieriges Unterfangen

Da wohne ich jetzt schon fast vier Jahre auf Mallorca und habe es bis jetzt ganze drei ein halb mal ins Meer geschafft. Im Sommer, in der Saison, hat man immer so viel zu tun, dass entspannt am Strand zu liegen einfach nicht drin ist. Und wenn man mal frei hat, hat man wenig Lust ins Auto zu steigen und zum nächsten überfüllten Strand zu fahren, um sich zwischen den wie Sardinen aufgereihten Sonnenanbetern einzureihen. Aber jetzt hab ich keine Ausrede mehr. Seit neuestem wohne ich keine fünfzig Meter vom Strand entfernt. Ich muss nur über die Straße gehen. Da ich heute erst zur Spätschicht im Laden antanzen muss, habe ich gestern Abend ganz spontan beschlossen, dass heute der Tag ist, an dem ich im Meer schwimmen gehen werde. …
So weit so gut. Allerdings gestaltete sich die Praxis, wie so oft, weit schwerer als die Theorie und ich hatte mal wieder nicht mit meinen bescheuerten Hirngespinsten gerechnet, diesen fiesen kleinen Stimmen, die mir immer erzählen, dass alles ganz furchtbar ist und mich ständig davon überzeugen wollen, wie schwarz die Zukunft aussieht. Diese lästigen Dämonen in meinem Kopf, die nichts lieber tun, als mir jeden Spaß mit dramatischen, negativen Voraussagen zu vermiesen. So kam es, dass ich nicht, wie geplant um acht, wenn der Strand noch leer ist, sondern erst so gegen halb elf mich aufraffen konnte, in meinen Uralt-Bikini zu schlüpfen. Die einzige Badebekleidung noch aus Teenagertagen, die ich besitze und mir, nebenbei bemerkt, immer noch passt … Na gut, das Nackenbändchen ist schon seit langem verschwunden und als Teenager war mir das egal. Aber heute hängen die Wölkchen dann doch schon etwas tiefer und ich musste die „Halterung“ kreativer weise mit Omis Brillenkettchen ersetzen. Denn was Körperästhetik angeht, bin ich pingelig. Das war zum Beispiel einer der Gründe, warum ich seit acht Uhr unruhig in der Wohnung herum getigert bin und ewig am Fenster stand und mich fragte, was am Schwimmen im Mittelmeer eigentlich so toll sein soll…
Die Vorstellung, jetzt im Bikini alleine, ohne Mann oder Freundin zum Strand zu gehen, behagte mir irgendwie überhaupt nicht. Da sind doch Menschen! Die könnten mich angucken! Dann sehen die meine Speckröllchen! Oder meine Plauze!! Ich bin jetzt nicht fett oder so. Meine Schenkel haben noch keine Dellen und wenn ich eben genannte Plauze einziehe, sehe ich sogar noch recht schlank aus. Aber Dämon „Selbstbewusstsein“ flüstert mir gerne zu, dass ich besser nicht mehr zu viel Haut zeigen sollte, wenn ich mich nicht der Lächerlichkeit, böser Lästereien hinter meinem Rücken und schräger oder noch schlimmer: mitleidiger Blicke aussetzen will. Doch dann meldete sich überraschender weise mit strenger Stimme mein lang vermisster Engel namens „Mut“. Sie erinnerte mich daran, dass ich endlich durchziehen soll, was ich mir vorgenommen hatte … und außerdem, könne ich ja gleich nach dem Schwimmen einen Text darüber schreiben, wie bescheuert und neurotisch ich mich schon wieder anstelle. Und ich solle nicht vergessen, diesen Text auf meiner Webseite zu veröffentlichen, für den Fall, dass da draußen noch mehr Frauen sich vor ihrer eigenen Courage verstecken. … Aber ich glaube nicht. Niemand kann so bekloppt sein wie ich. Ich mache ein Thema daraus, zum Strand zu gehen, um zu Schwimmen! Wie armselig ist das, bitte?! Naja, so dient dieser Text vielleicht der allgemeinen Erheiterung und ich hab mal darüber gesprochen … doch nun weiter im Text:
Ich steckte also endlich in meinem Bikini, wickelte mir noch züchtig ein Tuch um den Körper, schlüpfte in die Flip-Flops, griff mir Handtuch und Schlüssel und machte mich todesmutig mit gespieltem Selbstbewusstsein auf den Weg. Ich überquerte die Straße und erreichte den Strand. Da waren tatsächlich Leute. Sie lagen auf Liegen oder Handtüchern, schmierten sich mit Sonnencreme ein, lasen in Büchern oder schlummerten vor sich hin. Und kaum jemand nahm Notiz von mir! Na, sowas! Der Strand war vollgestellt mit Liegen und Sonnenschirmen. Alle in Reih und Glied. Ich wollte nicht auffällig in der Mitte durch gehen und schlenderte betont lässig am Rand entlang in einem leichten Zickzack-Kurs Richtung Wasser. Jedes Mal, wenn wieder eine barbusige, übergewichtige Omi in meinem Kielwasser auftauchte, senkte ich verschämt den Blick und änderte leicht den Kurs, während ich mich fragte, wofür ich mich eigentlich schämte. Ich ging an spielenden Kindern, Gummitieren und Paddelbooten vorbei und erreichte endlich die Wasserlinie. Es war ziemlich viel Betrieb. Links von mir war der Strand abgesperrt, weil dort Spaßboote zu Wasser gelassen wurden und die erste Linie war schon voll besetzt. Wohin jetzt mit dem Handtuch? „Einfach fallen lassen, da wo du gerade stehst!“ schalt mich mein Engel. „Du willst ja schließlich nicht im Sand herumliegen, sondern ein paar Bahnen schwimmen. Jetzt mach! Dir wird schon keiner die Schlappen klauen!“ Gesagt, bzw. gedacht, getan. Ich schubste die Schlappen von den Füßen, legte mein Handtuch in den Sand, ließ den Schlüssel darauf fallen und wickelte mich aus meinem Strandtuch. Während all dieser Tätigkeiten war ich der festen Überzeugung, dass der gesamte Strand mich beobachtete. Mit gesenktem Kopf zupfte ich mein Höschen aus der Po-Ritze und schlenderte ins Wasser. Erst die Füße, dann die Knie, jetzt die kritische Zone: der Bauchnabel… so kalt war das Wasser gar nicht – was sind das für dunkle Stellen da im Wasser?! Ach, so. Nur Seetang. Und weiter. Gleich kann ich nicht mehr stehen und … ich schwimme!!!
Ich machte ein paar kräftige Züge raus aufs Meer und drehte mich auf den Rücken. Mit den Ohren unter Wasser kann man sich super vorstellen, man wäre alleine auf der Welt. Ich guckte in den blauen Himmel, spielte ein bißchen „Toter Mann“ und ließ mich treiben. Da ich aber den totalen Kontrollverlust nicht sehr lange aushalte, tauchte ich mit den Ohren sehr bald wieder auf und paddelte noch ein bißchen weiter hinaus. Dann drehte ich mich um und betrachtete mir das Treiben am Strand. Niemand hatte es interessiert, wie die einsame Frau ins blaue Naß hinab stieg. Da war ein Trio Rentner, die, mit den Füßen im Wasser sich angeregt miteinander unterhielten. Kinder buddelten eifrig Löcher in den Sand oder spielten mit ihren Förmchen, wie ich es als Kind gerne getan hatte. Ich erinnerte mich an meine (fast) sorglose Kindheit und fragte mich kurz, wann ich so eine ängstliche, neurotische, bescheuerte, alte Trulla geworden bin. Doch nur kurz. Eine Mutter paddelte mit ihrer Luftmatratze an mir vorbei, während ihr Sohn mit einer Taucherbrille den Meeresboden beobachtete. Ich schwamm ein wenig Richtung Felsen und umrundete eine Gruppe Franzosen, die sich anscheinend gerade den neuesten Witz erzählten und dabei Wasser in den Mund bekamen. Eine sehr dicke Frau stand bis zum Bauchnabel im Wasser und versuchte sich Seetang aus dem Badeanzug zu schaufeln. Ich steuerte eine sandige, Seetang-freie Stelle an und ging kurz auf Tauchstation. Als Kind habe ich mich gerne am Meeresboden aufgehalten, die Luft angehalten, so lange ich konnte und mir vorgestellt, ich wäre eine Meerjungfrau. Ich konnte sogar die Augen unter Wasser aufmachen und sehen, wohin ich tauchte. Aber heute trage ich Kontaktlinsen und trau mich das nicht mehr. Ich könnte die teuren Dinger ja verlieren. (Erwachsensein ist manchmal echt Scheiße! Als Kind macht man sich über solche Sachen niemals Gedanken) Ich tauchte wieder auf und sah, wie zwei Opis Kurs in meine Richtung nahmen und steuerte wieder die andere Seite der Bucht an. Ich ließ meinen Blick erneut über den Strand gleiten. Ich konnte niemanden entdecken, der jemand anderen beobachtete. Jeder war mit sich selbst oder seinen Leuten beschäftigt:
Ein Jungspund träufelte genüsslich Sonnenöl auf die viel zu knochigen Schultern seiner Freundin, ein Animateur beschäftigte eine Gruppe spanischer Kinder und ließ sie ein Tauziehen veranstalten, ein Quartett knackiger Twens kümmerte sich um gar nichts und briet in der Sonne friedlich vor sich hin. Ein paar Boote lagen im Sand und warteten auf Kundschaft. Der einzige, der außer mir seine Blicke über den Strand wandern ließ, war der Lifeguard in seinem Turm. Und da fiel es mir wie Schuppen von den Augen: der Einzige, der vor lauter Panik, man könnte beobachtet werden, die Leute beobachtet, war ich! Na so was! Ich tauchte noch einmal kurz unter und entschied, jetzt genug sinnlos in der Gegend herum gepaddelt zu sein. Ich schwamm wieder Richtung Strand und versuchte dem salzigen Naß möglichst elegant zu entsteigen, denn ich musste wieder an den drei Rentnern vorbei, die sich immer noch unterhielten und sich die ganze Zeit nicht von der Stelle bewegt hatten. Könnte ja sein, dass doch noch jemand guckt. Ich klaubte mein Handtuch aus dem Sand und tupfte mich kurz trocken, wrang meine Haare aus, sammelte mein Zeug zusammen und steuerte die Dusche an, um mir den Sand von den Füßen zu waschen. Auf dem Weg dorthin kam ich wieder an jeder Menge unförmiger, teils recht deformierter und dennoch nackter Körper vorbei und startete wieder meinen Slalom, um nicht versehentlich mit dem Blick an der ein oder anderen faltigen und/oder rot verbrannten Brust zu lange hängen zu bleiben. Wieder zu Hause, mit salziger Haut und nassen Haaren klopfte ich mir mental selber auf die Schulter und war stolz wie Bolle, dass ich das Projekt „alleine Schwimmen gehen“ erfolgreich gemeistert hatte. Aber das nächste Mal geh ich dann doch lieber etwas früher an den Strand….